Walldorf

Wir wissen, daß wir die ersten sind!“ Rechtsanwalt Heimo Spring spricht im Brustton der Überzeugung von seiner Variante deutsch-deutschen Goldgräbergeistes. Mitte April hat die Custodia GmbH Walldorf in mehreren DDR-Zeitungen in Sachsen und Thüringen einen Versuchsballon aufsteigen lassen. Mit dem Inserat „Haben Sie Vermögensansprüche in der BRD?“ wandte sich die westdeutsche Firma an DDR-Bürger mit Erbschaftsansprüchen, Grundstücksrechten, Gesellschaftsbeteiligungen und Forderungsrechten, die in der Bundesrepublik bislang nicht geltend gemacht werden konnten. „Wir kaufen solche Rechte zu interessanten Konditionen gegen DM-West!“ verhieß die Anzeige der Custodia GmbH.

Die Resonanz war beachtlich: Nach einem Monat sind 75 Anfragen aus der DDR eingegangen, darunter sehr konkrete Angebote. Aus Jena schrieb ein junger Mann kurz und bündig: „Als meine Mutter, die in Bamberg gelebt hatte, gestorben war, konnte ich meine Erbschaftsansprüche nicht durchsetzen, da ich von den hiesigen Behörden am Reisen dorthin gehindert wurde, obwohl ich der Universalerbe bin (einziges Kind meiner Mutter, die ohne Ehegatten lebte). Können Sie mir helfen?“ Neben solchen Erbrechtsfällen präsentiert Rechtsanwalt Spring aus einem Aktenordner zahlreiche Unterhaltsforderungen gegenüber ehemaligen DDR-Bürgern, die in der alten Heimat Familie und Schulden zurückließen.

Zum Teil erschütternde Einzelschicksale, aber möglicherweise auch lukrative Einnahmequellen. Denn die Custodia möchte mitkassieren: bei noch nicht titulierten Forderungen fünfzig Prozent der eingehenden Hauptforderung beziehungsweise Vergleichssumme. „Wir haben ja aufwendige Recherchen“, sagt Rechtsanwalt Heimo Spring, außerdem sei das Risiko für die GmbH bei so einer Vertragsverpflichtung zu bedenken.

Spring hält fünfzig Prozent der Anteile an der Custodia. Seine ehemalige Mitarbeiterin Ursula Kuhn fungiert als Geschäftsführerin und ist mit vierzig Prozent an der GmbH beteiligt. Die restlichen zehn Prozent gehören Birgit Schuh, sie ist Mitarbeiterin in der Kanzlei von Heimo Spring. Als Rechtsanwalt darf Spring kein Erfolgshonorar kassieren, doch wenn die Custodia-Geschäftsführerin die eingehenden Gesuche aus der DDR an den Rechtsanwalt weitergibt, gibt es „formal keine Bedenken“, schließlich akquiriert ja die Firma die Fälle.

Ein fiktives Beispiel: Bei einer Erbschaftsforderung in Höhe von 100 000 Mark winkte dem Anwalt nach Gebührensatz ein Honorar von gut 6000 Mark. Die Custodia dürfte ohne weiteres 50 000 Mark kassieren. Eine konsequent genutzte Marktlücke.

„Wir wollen den DDR-Bürgern helfen“, beteuert Heimo Spring, „auf siebzehn Millionen Einwohner kommen drüben gerade 660 Rechtsanwälte, die Menschen brauchen unsere Hilfe.“ Die Custodia hilft nach dem Motto: Lieber etwas Geld bald als vielleicht sehr lange warten und am Ende doch noch in die Röhre schauen.