Von Christian Wernicke

Ost-Berlin, Ende Mai

Meist spricht er von sich in der dritten Person; als könne er so – um der Selbsterkenntnis willen – mehr Abstand zum eigenen Ich gewinnen: „Man muß sich zum Kiesel machen“, flüstert Martin Gutzeit vor sich hin. Während er in seinem spartanisch eingerichteten Arbeitszimmer im vierten Stock des Hauses der Parlamentarier, dem ehemaligen Hort des SED-Zentralkomitees, seine Jugend- und Lehrjahre als Elektromonteur deutet, durchfurcht er urplötzlich mit den Händen das blasse Gesicht. Er gräbt sich ein in Gedanken. Ein Kiesel? Abrupt, in Wortfetzen stößt er hervor, was dieses Selbstbildnis meint: „Allein, hart – durch.“

Etwas „durchzustehen“, vor allem aber, etwas „durchzuziehen“, das hat der inzwischen 38jährige Sozialdemokrat oft genug geschafft. Als rebellischer Schüler in einem Dorf nahe Cottbus, als langhaariger Theologiestudent in Ost-Berlin, als philosophierender Pfarrer in Mecklenburg – Martin Gutzeit ließ sich nicht unterkriegen vom allgegenwärtigen Machtapparat der alten DDR: „Auf den Kiesel kann man drauftreten, der geht nicht kaputt.“ Auch heute bewahrt sich der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Volkskammerfraktion diese Möglichkeit zum Rückzug in sich selbst. Freunde loben „seine extreme Fähigkeit zur Konzentration“, mit der er sich selbst dem Trubel der Partei entrückt. Dann brütet er wieder Ideen aus, schmiedet Pläne, „bastelt“ an Konzepten, „tüftelt“ an seinem Computer, der Terminlisten und Strategien speichert. Dieses bärtige, blonde Gesicht mit Lachfalten um die Augen strahlt gleichzeitig Härte und Wärme aus. Und wirkliche Brüche durch den Rollenwechsel vom Oppositionellen zum Organisator des jungen ostdeutschen Parlamentarismus sind auch für engste Freunde nicht zu erkennen.

Sein scheuer, ja introvertierter Charakter machte ihm den Übergang leichter als anderen, die einst die DDR demokratisieren wollten und nun „nur noch“ den zweiten deutschen Staat auf die Vereinigung mit der Bundesrepublik vorbereiten dürfen. Gutzeit zeigt zwar „Ehrgeiz in der Sache“, aber sympathische Bescheidenheit ob seiner Person. Der Schritt in die zweite Reihe, die Flucht in die Kärrnerarbeit der Fraktion, war sein eigener Wunsch. Noch nie hat er, der im Präsidium der Volkskammer alle Plenarsitzungen hinter den Kulissen durchplant, am Pult eine Rede gehalten. Allenfalls Anträge zur Geschäftsordnung ringt er sich ab. Der Regisseur scheut die politische Bühne, als schlechter Selbstdarsteller verfällt er bisweilen gar ins Stottern.

Analytisch und konzeptionell jedoch steht Gutzeit meist ganz vorn, an der Spitze. Vor eineinhalb Jahren war er sogar der allererste: Während der Doktorarbeit über Hegels Philosophie und „die Logik der Versöhnung“ kam ihm die Idee zur Gründung der SPD in der DDR. Schon in den vertrauten Oppositionszirkeln pflegte er seine Methode, „etwas auf den Weg zu bringen, indem ich es anderen einfach weitersage“. Damals war der Adressat sein alter Studienfreund Markus Meckel, der heute amtierender SPD-Vorsitzender und Außenminister der DDR ist. Gemeinsam hatten beide die Dialektik und Philosophie des objektiven Idealismus durchdrungen, schon Ende der siebziger Jahre mit Hegels Hilfe „aus innerer Wahrheit und Gewißheit das Wissen über die Wirklichkeit der Verhältnisse gewonnen“. Gleichsam äußeres Zeichen dieser Erkenntnis war der Gang zum Friseur – die hüftlangen Haare fielen, denn „meine Freiheit hatte ich da sowieso“.

Seit Januar 1988 entwarf der Pfarrerssohn, inzwischen selbst Pastor und Vater zweier Kinder, Pläne für „ein Spiel“, dessen innere Logik für ihn geradezu zwangsläufig in die Freiheit führen mußte. Wenn auch die Revolution in der DDR schneller kam als von ihm erwartet, wenn auch ohne SPD-Gründung die Demonstrationen im Herbst die greise SED-Garde verscheucht hätten – sobald Gutzeit sich an den Sommer vergangenen Jahres erinnert, klatscht er voll diebischer Siegesfreude wie ein Kind in die Hände, stimmt er sein meckerndes Lachen an. Der SED ihren Machtanspruch und ihre Geschichte gleichzeitig zu bestreiten, „das war ein geradezu metaphysischer Spaß“. Dieser Spaß an grüblerisch gewonnener Erkenntnis beflügelte diesen Hegelianer, ließ ihn kühl kalkulierend „den Papiertiger SED entlarven“ und in Kauf nehmen, „daß man vielleicht auch erschossen wird“. Wer bei solchen Sätzen erschrickt, dem erklärt Gutzeit die Psychologie jener Tage so: „Wir hätten das ja nie gemacht, wenn wir das System vorher nicht schon totgelacht hätten.“