Von Andreas Kilb

Akira Kurosawa, fünf Jahre alt, steht vor seinem Elternhaus, einem hohen, königlichen Gebäude, um das sich eine große graue Mauer zieht. Das Gewitter ist vorüber; schon bricht die Sonne durch die Regenfäden. Die Mutter warnt den Knaben davor, in den Wald zu gehen; dort, sagt sie, feiern in dieser Stunde die Füchse ihr Hochzeitsfest. Aber da läuft das Kind schon, schwankend und unsicher auf seinen schweren Holzpantinen, zwischen den Wipfeln der Bäume hindurch.

Nebelschwaden fliegen durch den Wald, und silbern rieselt das Wasser die Rinde hinab. Auf einer Lichtung, hinter einem Stamm versteckt, beobachtet der Knabe das ungeheure, das verbotene Schauspiel: eine Prozession fuchsbärtiger, in bunte Trachten gehüllter Gestalten, die im Takt einer seltsamen Musik von Flöten und Trommeln an dem Schauenden vorüberzieht. Manche sind ganz in Blau gekleidet und halten Laternen in den Händen; andere tragen helle Kopftücher über schwarzen Jacken und grauen Hosen, und alle haben runde, flache Basthüte auf dem Kopf. Auch eine Braut im weißen Gewand ist dabei; neben ihr geht ihr Bräutigam, ein gravitätischer Herr. Da, auf einmal, stehen die Füchse still und wenden den Kopf: Sie haben den Knaben entdeckt.

Akira erschrickt und rennt zum Haus zurück. Die Mutter erwartet ihn mit einem Messer in der Hand. Das, sagt sie, haben die Füchse für ihn abgegeben. Zur Strafe für seinen Frevel muß er sich töten – oder sich bei den Geistern des Waldes entschuldigen. Die Füchse, sagt die Mutter, leben unter dem Regenbogen. Und dorthin geht das Kind. Es läuft über eine blühende, von Farben und Vogelstimmen verzauberte Wiese auf ein blaues Gebirge zu. So endet der erste Traum.

Akira Kurosawa, ein Kunststudent, steht im Museum vor einem Gemälde Vincent van Goghs: „Die Brücke von Langlois“. Er betrachtet es eine Weile, dann geht er zu einem anderen Bild, dann zu einem dritten, und schließlich kehrt er zaudernd zu dem Brücken-Bild zurück. Auf einmal läuft er durch eine fremde und doch vertraute Landschaft, die Landschaft van Goghs. Ein paar Frauen, die unter einer Holzbrücke – es ist die Brücke von Langlois – ihre Wäsche waschen, fragt er, wo er den Maler finden könne. Auf dem Feld, antworten die Wäscherinnen. Aber Vorsicht, sagen sie, er ist verrückt.

Dann steht Akira dem Maler Vincent van Gogh gegenüber. „Warum malen Sie nicht?“ fragt van Gogh. Die Sonne, sagt der Maler, zwinge ihn zu arbeiten. „Ich verschlinge diese Landschaft, ich fresse sie auf. Ich arbeite wie ein Sklave. Ich treibe mich an wie ein Lokomotive.“ Da sieht Akira eine Dampflok durch die Felder fahren, er hört ihr Stampfen und Zischen, und wie die Räder einer Lokomotive kreist der Zeichenstift van Goghs.

Auf einmal ist der Maler verschwunden, und Akira, der ihn sucht, gelangt in ein verzaubertes Land. Er läuft durch die Bilder van Goghs, auf den Wegen, an den Häusern und Kirchen entlang, die van Gogh gemalt hat. Auf einem grasgesäumten Pfad, der sich durch ein Weizenfeld windet, sieht er den Maler entschwinden. Ein Schwarm Raben steigt aus den Ähren auf und verdunkelt den Himmel. Das Bild erstarrt und wird zu einem Gemälde van Goghs: „Weizenfeld mit Raben“, entstanden im Juni 1890, einen Monat vor des Malers Tod.