Weit auseinander gezogen, stapft unsere Gruppe hoch zum Lochnagar: beispielsweise Katie von der Insel Skye, die hier in den Bergen Westschottlands endlich mal Tage ohne Regen oder Stechmücken genießen will, oder Gordon, dessen zwei Schäferhunde so temperamentvoll durch die Heide flitzen, daß er um die Hirsche fürchtet, oder der fünfjährige John, der tapfer weit vor seiner Mutter über Geröll stakst.

Gut zwanzig Leute sind wir, alles Urlauber aus Ballater, einem kleinen Dorf im Tal des Dee mit großen Nachbarn: Einige Meilen westlich liegt Balmoral Castle, die Herbstresidenz der englischen Königsfamilie. In Ballater leben der Hofbäcker, der Hoffleischer, der Sporting Outfitter. Über ihren Ladentüren glänzen Einhorn und Löwe, Schottlands und Englands Wappentiere. Die Ernennungsurkunden zu Hoflieferanten schmücken die Wände und dies schon seit den Tagen Queen Victorias, die 1848 den Balmoral-Besitz kaufte.

In Ballater künden Transparente über den Straßen vom Höhepunkt des Jahres: der Queen-Victoria-Week. Und deren zumindest geographischer Höhepunkt ist der Gipfel des Lochnagar, auf den uns Duncan im Auftrag des Verkehrsvereins führt, und zwar mit allem Stolz des Lokalpatrioten: „Der Höhe nach gehört der Lochnagar eher zum Durchschnitt, seinem Charakter nach jedoch zu den ersten fünf der Berge in Schottland.“ Zugegeben: Beeindruckend sind die steilen und zerklüfteten Felsen schon. Senkrechte Wände türmen sich über dem gleichnamigen dunklen See im Halbrund auf.

Oft geht es tödlich aus, wenn man die schottischen Berge unterschätzt. Das kann leicht passieren. Duncans Jugendfreund liegt hier begraben. „Es war pure Dummheit“, sagt Duncan. „Das Seil war zu kurz, und er kletterte die letzten Meter frei.“ Der Lochnagar beispielsweise ist nur 1155 Meter hoch – das reicht bei uns zu Hause im Winter kaum zum Skifahren. Hier, so warnt ein Schild am Beginn der Lochnagar-Wanderung, muß man auch im Sommer mit plötzlichem Schnee rechnen. Da sieht der hilfesuchende Blick dann höchstens noch Schafe und Hirsche – und den Alten Mann von Lochnagar, wenn man dem Kinderbuchautor Prinz Charles glauben darf.

Die Landschaft liegt noch da wie zu Victorias Zeiten: Moor, Heide und Steine. Und vom Gipfel der Blick auf eine Bergwelt, die nur dem Kundigen die Anwesenheit des Menschen verrät: etwa durch die scharfen Kanten der Wälder – allesamt Holzplantagen der staatlichen Forstbehörde. Wir haben mehr Glück als unsere königliche Vorgängerin Victoria, die in Kälte und Nebel den Gipfel erreicht hatte und dort nur klagen konnte: „Nicht das Geringste zu sehen. Es war kalt, feucht und trostlos.“ Auch auf dem Rückweg herrschte kein Kaiserwetter: „Der Wind blies wie ein Hurrikan, der Nebel war wie Regen, und alles war dunkel.“

Aber auch bei guter Sicht ist der Wanderer hier auf sich alleine gestellt, wie wir während des Abstiegs merken. Eine ältere Frau stürzt auf dem schmalen Pfad. Glücklicherweise keucht gerade ein Trupp Soldaten im Dauerlauf den Berg hinauf. Geschwind schient einer von ihnen die gebrochene Hand der Frau, dann hastet die Gruppe weiter. „Wir dürfen den Bus nicht verpassen“, sagt einer und versucht mit gequältem Lächeln britischen Humor zu wahren. Der verletzten Frau steht noch ein mehrstündiger Abstieg bevor.

Bergrenner wie die Soldaten sind gar nicht so selten. Zwei Tage später wetzt eine andere Meute los: in fünfzehn Minuten zu einem Hügel hinauf und zurück – in den Monaltrie-Park von Ballater, wo zum Abschluß der Victoria-Week die Highland Games Gäste zum Photographieren und die Einheimischen zum Jubeln bringen. Ihre Lokalmatadore Ron Young und Gordon Martin räumen den Trophäentisch ab und lassen im Bäumewerfen, Gewichtewuchten und Hammerschleudern die Konkurrenz aus den Nachbartälern hinter sich. Clan-Chief Farquarson of Invercauld übergibt die Pokale, dann drehen pipes and drums die letzte Runde um den Platz, fahren Dudelsackgeheul und Trommelwirbel durch Mark und Bein. Ron Young und Gordon Martin haben sich für die Highland Games von Braemar qualifiziert, ein paar Kilometer deeaufwärts. Dort winkt besonderer Lohn: ein Händedruck von der Queen, der Schirmherrin dieser Spiele.