Mitten in der Nacht, im Herzen des Hochlandes von Abessinien, stoßen wir zum ersten Mal auf den Treck: Tausende von zerlumpten, ausgemergelten Gestalten, die durch die Finsternis stolpern. Wie ein motorisierter Berserker pflügt unser Fahrer mit dem Landrover durch den gespenstisch anmutenden Zug. Ihm gilt das Leben dieser armen Teufel nicht viel - es sind nur Feinde, äthiopische Soldaten, die bei der Schlacht um Debre Tabor gefangengenommen wurden. Mit scheuen Blicken, verängstigt wie aufgeschreckte Nachttiere, starren die Männer in die aufgeblendeten Scheinwerfer, manche werden beinahe von dem rasenden Jeep erfaßt und können gerade noch zur Seite springen. Stumpfsinnig setzen sie ihren Marsch in ein Kriegsgefangenenlager im Westen Tigrays fort.

Das Heer der Besiegten begegnet uns noch ein zweites Mal, irgendwo hinter dem Städtchen Wukro, diesmal am hellichten Tag: Jetzt läßt sich die Zahl der willenlos dahintrottenden Krieger schätzen; es sind bestimmt zwei Divisionen, nach der Rechnung des äthiopischen Militärs also mindestens 10 000 Mann.

Für sie geht der Krieg, er dauert schon fast dreißig Jahre, vorerst zu Ende. Doch ein "Westfälischer Frieden" ist in diesem längsten noch andauernden Konflikt auf dem Schwarzen Kontinent nicht in Sicht. Weder die eine noch die andere Seite hat den Waffengang bisher für sich entscheiden können, und an den Verhandlungstisch drängt es keines der beiden verfeindeten Lager. The war battanten.

Mengistu Haile Mariam, der kommunistische Staats- und Parteichef, will die zentrifugalen Kräfte, die den Vielvölkerstaat Äthiopien auseinanderzureißen drohen, nicht einen, sondern vernichten. Die Aufständischen, ebenfalls Kommunisten, verfolgen unterschiedliche Ziele. Die einen kämpfen für die Autonomie ihrer Provinzen, die anderen für ihre Unabhängigkeit. Doch alle Rebellengruppen (siehe Karte auf Seite 18) verbindet ein Nahziel: Sie wollen die Zentralgewalt brechen und den verhaßten Diktator Mengistu stürzen. Niemand weiß, wie viele Menschen in dem seit 1961 wütenden Bürgerkrieg, während der Revolution und bei den Säuberungen ihr Leben ließen; die Schätzungen gehen bis zu 1 5 Millionen Toten. So genau will das in Europa allerdings niemand wissen. Das Blutvergießen am Hörn von Afrika wird - wenn überhaupt - nur beiläufig wahrgenommen. Zu verwirrend erscheinen die Frontberichte. Rassistische Zyniker sprechen vom "Negerkampf im Tunnel". Zu groß ist die Distanz. Die moralische Empörung nimmt mit der Entfernung ab. Es gilt Goethes Ignoranzgebot: "Wenn hinten, weit in der Türkei, Die Völker aufeinanderschlagen Zudem sind die politischen und ökonomischen Interessen der Industriestaaten kaum berührt. Im übrigen verdient der reiche Norden ganz gut am Waffengeschäft mit dem armen Süden. Ein Krieg, den niemand bemerkt, drückt auch nicht aufs Gewissen (siehe Kasten Seite 18).

In der Dritten Welt "scheint das instrumentelle Verhältnis zur kriegerischen Gewalt noch ungebrochen zu sein, hier kann Gewaltanwendung noch akzeptiert, toleriert oder stillschweigend zur Kenntnis genommen werden", schreibt der Politikwissenschaftler Volker Matthies ("Kriegsschauplatz Dritte Welt", Verlag C H. Beck). Nun, da die Ereignisse in Osteuropa das Publikum fesseln, wird der Dauerkonflikt in Äthiopien weniger denn je registriert. Das mörderische Ringen um Massawa beispielsweise war den Zeitungen nur Kurzmeldungen wert. In der Hafenstadt am Roten Meer tobte im Februar die erbittertste Schlacht, die es in Afrika seit dem Zweiten Weltkrieg gegeben hat. Die Walstatt war von Leichen übersät. Augenzeugen, wie der Referatsleiter der Bonner Welthungerhilfe, Wolfgang Nierwetberg, berichten von 20 000 bis 30 000 Toten.

Zum vergessenen Krieg kommt eine unbeachtete Not: 4 1 Millionen Menschen sind nach einer Dürreperiode vom Hungertod bedroht. Die Schreckenszahlen aus Äthiopien lassen die Weltöffentlichkeit kalt - sie liegen jenseits aller Vorstellungskraft. Die Kämpfe am Hörn von Afrika und die Ignoranz der Satten auf der Nordhalbkugel erschweren eine angemessene Soforthilfe.

Zwei Tagesreisen südlich von Massawa führt die Hauptstraße von der Küste ins Landesinnere nach Adua. Die Gebirgsstadt mit 48 000 Einwohnern liefert reichlich Anschauung zur Vorgeschichte des äthiopischen Bruderkrieges. Adua könnte irgendwo im Mezzogiorno liegen. Der Baustil, die Vegetation, das Klima muten mediterran an. In manchen Spelunken entdeckt man etwas antiquierte Espressomaschinen der Marke Gaggia und die alten Männer fragen den Fremden: Kolonialismus der Ära Mussolini auf dem "Dach von Afrika" hinterlassen hat.