Von Ernst Hess

Daß wir uns in einem „Lustgarten der Natur“ befinden, merkt man schon an den vielen lustigen Menschen aus Japan, die unablässig in der Drosselgasse photographieren. „Die trinken kaum etwas“, klagt einer der Rüdesheimer Wein-Wirte, „Holländer und Amerikaner sind mir lieber.“

Trunken vor Glückseligkeit, wie weiland die Romantiker Brentano oder Arnim, steigt heute kaum noch einer in den klimatisierten Reisebus. Das Tempo zwischen Mainz und Köln ist einfach zu hoch, das Gedränge an Wochenenden beängstigend, der Wein vielfach ungenießbar. Den klassischen Rhein muß man suchen, an einem Werktag in der Nebensaison, irgendwo hinter Kaub oder in den Weinbergen von Vollrads. Und wenn man Glück hat, ist es für ein paar Stunden der Fluß lieblicher Madonnen, schwarzglänzender Schieferdörfer und blonder Feen. Selbst das Wasser wird plötzlich wieder grün wie damals, als der Rhein noch nicht zum Bersten gefüllt war mit giftigen Chemikalien und Abwässern.

Zurück in die Realität. Fast lautlos gleiten die weißen Ausflugsdampfer stromabwärts, Kielwasser schäumt schmutzig-grau, und die Angler sitzen stumm neben ihren meist leeren Eimern. Manche Fische haben den industriellen Holocaust tatsächlich überlebt, ungenießbar zwar, aber immerhin. Die Möwen schert das nicht. Nur hin und wieder kreischen sie, wenn es gilt, die ölige Beute zu verteidigen.

So dröhnend heiter, wie ihn die Trinklieder feiern, ist der Rhein nur in der Sommersaison. Sonst eher ein dunkler, schwermütiger Fluß, eingezwängt in ein Spalier aus Burgen und Domen, schiefergrauen Felsen und grünen Weinterrassen. Kurz hinter Mainz rücken die Berge so eng zum Wasser, daß kaum noch Platz bleibt für die Türme der Gotik, die Fassaden des Barocks, für Schnellstraßen und Eisenbahntrassen. Und auch später fehlt der Landschaft die großräumige Weite, der endlose Horizont. Heinrich Böll hat das Bedrückende gespürt: „Mein Rhein ist der Winterrhein ... Ein Breughel-Rhein, dessen Farben Grüngrau sind, Schwarz und Weiß, viel Grau.“

Das ist sicher subjektiv, einseitig sogar, wenn man in der Abendsonne eines Junitages von Schloß Johannisberg hinunter zum Fluß schaut. Lieblicher kann eine Landschaft kaum sein. Schließlich hatte das Entzücken der Romantik durchaus seine Gründe. „Das ist eine Gegend wie ein Dichtertraum“, schrieb Kleist, „und die üppigste Phantasie kann nichts Schöneres erdenken als dieses Tal, das sich bald öffnet, bald schließt.“

Ein komplexes Thema also, von Stimmungen, Jahreszeiten und Begegnungen abhängig. Das Rheintal gehört ja nicht den ansässigen Winzern, Fischern oder Hoteliers allein. Es ist eher ein nationales Monument, vergleichbar mit Schloß Neuschwanstein oder dem Brandenburger Tor. Ein schwer definierbares Konglomerat aus Historismus, Natur und romantischen Mythen, aus rheinischem Fachwerk und seelenloser Allerweltsarchitektur. Hier eine romanische Kapelle, vertrocknete Wiesenblumen auf dem Altar, dort Gebrauchtwagenhandel oder Supermarkt. Dazwischen neugotische Villen hinter hohen Parkmauern, ein Stück Pappelallee oder pastellfarbene Uferfronten. Und auf dem Wasser das schläfrige Tuten der Schlepper, hin und wieder ein weißer Dampfer mit winkenden Touristen. Das sind die Mosaiksteine, aus denen sich durchaus vorgegebene Erwartungen zusammensetzen lassen.