In den Börsensälen wird aufgeatmet: Die bei knapp unter 1800 liegende Widerstandslinie des Deutschen Aktienindex (Dax) hat gehalten. Inzwischen befindet er sich wieder auf dem Weg nach oben. Sowohl In- als auch Ausländer haben auf der ermäßigten Kursbasis gekauft. Niemand zweifelt mehr daran, daß der Staatsvertrag mit der DDR am 1. Juli in Kraft treten wird.

Beigetragen zur zuversichtlicheren Stimmung hat die optimistische Zustandsbeschreibung der deutschen Wirtschaft durch die Bundesbank. Sie läßt erkennen, daß die bundesdeutsche Seite den Herausforderungen der Wirtschafts- und Währungsunion gewachsen sein dürfte. Gleichwohl sind viele Kreditinstitute der Meinung, daß mit einer anhaltenden Aufwärtsbewegung der deutschen Aktienkurse vorerst nicht zu rechnen ist.

Als erste Ausländer scheinen die Japaner wieder den Weg an die deutsche Börse gefunden zu haben. Darauf deuten jedenfalls die hohen Umsätze in ihren „Lieblingspapieren“ Siemens, Daimler und Deutsche Bank hin. Die Aktien aller drei Unternehmen waren in den letzten Wochen überdurchschnittlich gefallen und gelten deshalb nunmehr als besonders preiswert.

Bei Siemens war zusätzlicher Kursdruck durch eine Rücknahme der Gewinnschätzungen für das laufende Geschäftsjahr entstanden. Sie haben indessen nur technische Ursachen, denn durch neue Mitarbeiter-Aktien und durch eine ausgelaufene Optionsanleihe hat sich das Siemens-Aktienkapital um etwa fünf Prozent erhöht, was bei gleichbleibenden Gewinnen zu entsprechend niedrigeren Gewinnschätzungen je Aktie führen muß. Die zeitweise Nervosität um den Siemens-Kurs ist nach dem überraschenden Gewinneinbruch bei Philips verständlich.

Daß bei den früheren Stahlkonzernen die Gewinne zunächst einmal an die Decke gestoßen sind, läßt der rückläufige Thyssen-Ertrag für die ersten sechs Monate dieses Jahres erkennen. Da es auch bei anderen Großunternehmen Anzeichen einer Gewinnstagnation auf hohem Niveau gibt, spielt die Wachstumseuphorie in der Kursbildung nur noch eine partielle Rolle.

Bei den Banken beginnen die Anleger stärker zu differenzieren. Im allgemeinen scheint sich aber die Auffassung durchzusetzen, daß in den Finanzwerten am ehesten Kursreserven realisiert werden können, auch wenn die Zinssorgen noch nicht völlig überwunden sind. Die letzte Bundesanleihe ist bislang fast vollständig bei den Konsoritalinstituten liegengeblieben. K.W.