Freiburg

Da hatten Deutschlands Romanisten auf ihrer Jahrestagung im Herbst 1988 eine so gute Idee: An der Freiburger Universität sollte ein Frankreichzentrum entstehen, ein akademischer Überbau über das Drei-Länder-Eck. Wissenschaftler aller Fakultäten, von Archäologie bis Zoologie, sollten hier nach Herzenslust forschen und lehren können. Thema: Frankreich – als solches, aber auch im besonderen.

Das Stuttgarter Wissenschaftsministerium spendierte einen Jahresetat von 1,2 Millionen Mark. Ein neuer Aufbaustudiengang wurde kreiert unter dem wohlklingenden Namen „interdisziplinäre Frankreichstudien“. Um den erwarteten Andrang der Studenten bändigen zu können, sollten sich nur examinierte Akademiker mit überdurchschnittlichem Examen bewerben dürfen, die dann in vier Semestern zu Frankreichspezialisten in ihrem Fachgebiet ausgebildet werden sollten. Die Arbeitsmarktchancen der Absolventen wurden von Anfang an als besonders rosig eingeschätzt.

Doch einige Tage vor dem Ende der Bewerbungsfrist meldete der Freiburger Lokalsender FR1, es habe sich nur eine Interessentin beworben. Eine vorschnelle Behauptung, wie sich nach dem endgültigen Auszählen herausstellen sollte: Es waren deren zwei.

Vergessen ist nun das schöne Fest, mit dem am 30. Oktober letzten Jahres das Frankreichzentrum eröffnet wurde. Golo Mann sprach über Charles de Gaulle und Alfred Grosser über die Bundesrepublik, Frankreich, Europa und die Weltpolitik. Sogar ein Symposium wurde abgehalten. Titel: „Verständnisse und Mißverständnisse“. Damals schrieb die in Freiburg erscheinende Badische Zeitung: „Wenn der Zuspruch bei der Eröffnungsveranstaltung ein Gradmesser für das Interesse an der Arbeit des Frankreichzentrums der Freiburger Universität ist, dann wird der neuen Einrichtung viel Erfolg beschieden sein.“

Hans Martin Gauger, Romanist und Leiter des Frankreichzentrums, ist über das Ergebnis enttäuscht und sucht nun nach Erklärungen: „Wir hätten das Ganze besser ankündigen müssen. Vielleicht war die Eröffnungsfeier auch zu früh.“ Es könne aber auch an der schlechten Wohnungslage in Freiburg liegen. Allerdings wird Gauger sich mit seinem üppigen Etat trösten können, der nun vollständig der Forschung zur Verfügung steht. „Wir wollten ohnehin ursprünglich forschen“, sagt Gauger.

Den beiden unbekannten Bewerberinnen bleibt nun verwehrt, wovon so viele Studenten träumen: ein Studiengang mit familiärer Prägung. Kurz nach Bekanntwerden der Bewerberzahlen sagte das Frankreichzentrum den Studiengang ab. In einem Jahr will man einen neuen Versuch wagen.

Walter Wüllenweber