Das soziale Geflecht der Kleinstadt wird neu gewebt

Von Klaus Hartung

Heimat heißt auf erzgebirgisch „Hamit“. „Ziehet alles siner Hamit zu“, dichtete Anton Günther, der Erzgebirgshymniker. Die Anton-Günther-Bank oberhalb von Olbernhau, das war immer der erste Halt auf den obligatorischen Waldwanderungen am Sonntag, die meine Städter-Familie zum Gespött der Einheimischen veranstaltete. Dreißig Jahre später sitze ich im Klassenraum 11 meiner alten Schule, jetzt Dimitroff-Oberschule. Die Bedrückung durch die fröstlig hohen Räume kehrt wieder. Nur ist alles viel schäbiger, das Parkett aufgebrochen, die Wände fleckig. Da sind sie wieder, die langgeschwungenen Waldberge meiner Kindheit – als Diaprojektion. „Das Erzgebirge, wie wir es gerne hätten“, kommentiert Ulrich Beutel, seit März Abteilungsleiter Naturschutz beim Rat des Kreises, in einer Wahlkampfveranstaltung für die Listenverbindung Kulturbund/Die Grünen. Ganze sieben Leute sind anwesend, mich, den Journalisten aus West-Berlin, eingeschlossen; vier der Anwesenden sind Kandidaten: Ulrich Beutel, die Lehrerin Haubold, Steffi Gehmlich, die grüne Konditorin aus Neuhausen, und dazu der Fritzsche Peter, der Revolutionär der ersten Stunde vom Neuen Forum. Beutel jagt die Dias durch den Projektor. „Wer empfindet nicht eine weite Brust, wenn er durch einen Buchenwald gehen kann“, seufzt er, um dann zu den „Großkahlflächen“ zu kommen. Die zerstörten Wälder des Erzgebirgskamms, der Dreck, der aus dem Böhmischen Becken aufsteigt, die hohen Schornsteine von Zwickau. Und die „hausgemachten Probleme“, der Hausbrand mit der schwefelhaltigen Leipziger Braunkohle, der die Häuser und Wälder zerfrißt. Die Bronchitis der Kinder. Die ungeordnete Mülldeponie zwischen zwei Ortsteilen auf der Talsohle. Die zwei Güllegruben mitten im Trinkwassereinzugsgebiet. Sie sind undicht. „Seit acht Jahren saufen wir Scheiße“, empört sich Peter Fritzsche. Eine Jeremiade der multiplen Verseuchung überzieht den Ort meiner Kindheit.

Ein Tableau der Hoffnungslosigkeit. Keiner glaubt, mit den Umweltskandalen erfolgreich Politik machen zu können. Im Gegenteil, die Umweltmisere scheint bruchlos in die Misere des Bewußtseins überzugehen. Beutel meint, daß Umweltfragen nun von der Währungsunion überdeckt werden. „Der Wille zum Konsum wird alles überwuchern.“ „Auf Vernunft und Agitation kann man nicht bauen“, setzt Steffi Gehmlich hinzu. „Wir müßten eben mit Bananen und einem Sonderangebot von Beate Uhse kommen“, räsoniert der Fritzsche Peter. Ist das die Bitterkeit der politischen Verlierer?

Konkurrenz der Pessimisten

Doch auch die anderen Parteien mobilisieren die Leute nicht. Bei der Auftaktveranstaltung im Blechwalzwerk, in der sich alle Parteien mit Ausnahme der PDS vorstellen wollten, blieben die Kandidaten unter sich. Paar Tage später stellten sich in der Dimitroff-Oberschule elf CDU-Kandidaten fünf Interessierten. Im Jugendclub, mit SPD-Fähnchen und Luftballons auf den Tischen, erklärten sieben SPD-Kandidaten zwei Besuchern die Lage. In ihrem Pessimismus stehen die anderen Parteien dem Neuen Forum nicht nach. Steffen Laub, der Sieger der Kommunalwahlen, tritt sein Bürgermeisteramt mit mehr Bedenken als Enthusiasmus an: „Den Leuten sind Bananen wichtiger als die Demokratie.“

Olbernhau an der Flöha, ein kleiner Industrieort von 12 000 Einwohnern, steht für zwei erzgebirgische Traditionen: das Spielzeug und die Erzverarbeitung. 1537 wurde die Saigerhütte aufgebaut, und bis 1945 wurde Buntmetall im Blechwalzwerk verarbeitet. Dem erzgebirgischen Spielzeugsortiment fügt die Stadt den „Olbernhauer Reiter“ hinzu. Spielwaren kann man im Ort allerdings kaum erwerben. Sie sind das heißbegehrte Schmiermittel für alle Organisierer in den volkseigenen Betrieben, wenn es darum geht, außerplanmäßig an Materialzuteilungen zu kommen. Olbernhau gehörte zu den ländlich-proletarischen Wahlkreisen des südlichen Sachsen, die am 18. März mit zwei Dritteln für die Allianz für Deutschland gestimmt hatten. Auch diese Tatsache reizte mich, meinen Heimatort nach dreißig Jahren wieder aufzusuchen. Auch bei der Kommunalwahl hat die CDU fünfzehn von fünfundzwanzig Sitzen in der neuen Stadtverordnetenversammlung erobern können. Aber die westlichen Definitionen von rechts und links sagen wenig. „Am 18. März haben die Leute die D-Mark gewählt, und jetzt warten sie auf die D-Mark“, meint Ralf Schenk, der Vorsitzende der kleinen SPD-Ortsgruppe.