Der andere Virchow: Barrikadenkämpfer, Widersacher Bismarcks, Vorkämpfer für kommunale Reformen

Von Manfred Vasold

Im Alter von 26 Jahren war Rudolf Virchow als Mediziner eine anerkannte Persönlichkeit. Sein Name hatte selbst am preußischen Hof einen guten Klang, und als daher im Februar 1848 in Berlin das Gerücht aufkam, in Schlesien wüte eine schreckliche Epidemie, entsandte das preußische Staatsministerium Virchow in das Krisengebiet. Über seine Reise zusammen mit Obermedizinalrat Barez sind wir gut unterrichtet, denn Virchow hinterließ einen umfangreichen Bericht über das Land Oberschlesien und seine – vorwiegend polnische – Landbevölkerung. Darin beschreibt er nicht nur die Verbreitung der Fleckfiebers, sondern auch die jämmerlichen Wohnstätten und die Nahrung ihrer Bewohner (vgl. Zeitläufte Nr. 21, „Der Berg der hl. Anna“).

Virchow sah Menschen, die „mit bloßen Füßen auf Schnee und Eis“ gingen; er hat dort „Kinder mit nackten und ödematösen Füßen auf gefrorenen Landstraßen im Schneewasser waten sehen!“ Das war Deutschland im Jahr 1848. Was er über seine Reise durch Oberschlesien in Berlin vorlegte, war „kein wissenschaftlicher Bericht, sondern eine Anklageschrift, ein Pamphlet gegen Bürokratie und Latifundienbesitzer“, so schrieb einst Theodor Heuss in einer kleinen Studie über Virchow. Er hatte völlig recht.

Aber einen von Virchow Beschuldigten hat Heuss zu nennen vergessen: die katholische Kirche. Virchow machte – neben preußischer Bürokratie und schlesischen Großgrundbesitzern – vor allem sie verantwortlich für die Zustände in Oberschlesien, die so viele Menschenleben kosteten wie „ein kleiner Krieg“. Als Heilmittel forderte Virchow: „Bildung mit ihren Töchtern Freiheit und Wohlstand, ... eine nationale Reorganisation Oberschlesiens, ... die absolute Trennung der Schule von der Kirche, ... freie und unumschränkte Demokratie [sowie] Selbstregierung in Staat und Gemeinde.“

Im Spätwinter 1848 erfuhr Virchow in Oberschlesien den „Vormärz“ in seiner äußersten Zuspitzung. So konnte es nicht weitergehen. Als er nach Berlin zurückkam, wuchsen gerade die Barrikaden aus dem Boden, die Straßenkämpfe begannen. In der Friedrichstraße, unweit der Charité, stand Virchow selber – eine Pistole in der Hand – auf den Barrikaden. Bismarck bezeichnete die Barrikadenkämpfer von 1848 schlichtweg als „Mörder“; Virchow nannte sich, in einem Brief an seinen Vater aus jenen Tagen, einen „Demokraten und Sozialisten“.

Er kam aus Hinterpommern. Dort wurde Virchow am 13. Oktober 1821 in dem Ackerbürgerstädtchen Schivelbein an der Rega geboren. Sein Vater war ein gescheiter, aber wenig erfolgreicher Landwirt, zeitweise auch Stadtkämmerer. Über die Mutter ist wenig bekannt; selbst in den Briefen des Sohnes an die Eltern tritt sie ganz in den Hintergrund. Rudolf war ihr einziges Kind. Er scheint ein wißbegieriger Junge gewesen zu sein, der schon beizeiten in den Büchern des Vaters herumzustöbern begann.