Ohne einen kräftigen Anstoß vom Treffen in Washington kann sich Moskau in Europa isolieren

Von Christoph Bertram

Die Protokollabteilung des Weißen Hauses hatte vorher angefragt, welchen Hobbys Herr und Frau Gorbatschow bei ihrem Besuch in Camp David, dem Erholungssitz des amerikanischen Präsidenten bei Washington, nachgehen wollten: Schießen, Reiten, Kegeln, Schwimmen, Tennis, Radfahren, Schach – sie brauchten nur zu wählen. Vom Gefolge des sowjetischen Präsidenten jedoch kam ein Korb: Der Präsident sei nicht zur Erholung in Washington. Der Mann, der sein Land durch die Krise der Gegenwart führen muß, wenn es die Zukunft je erreichen soll, hat keine Zeit zum Ausruhen.

Es sieht so aus, als ob Gorbatschow mit ziemlich leeren Händen in sein von Mißerfolgen gebeuteltes, von inneren Zweifeln bedrängtes und von Unruhen geschütteltes Land zurückkehren wird. Gewiß, Bush und Gorbatschow werden eine Reihe von Dokumenten unterschreiben, darunter die Grundzüge einer Vereinbarung zur Verminderung der gewaltigsten Atomwaffen in den Arsenalen der beiden Weltmächte. Aber nicht die Verschrottung der Kernwaffen, sondern die Neuordnung Europas steht diesmal im Mittelpunkt des Präsidententreffens. Und bei diesem Beratungspunkt sind rasche Fortschritte nicht zu erwarten – zum einen, weil die beiden Großen nicht mehr allein darüber bestimmen können; zum anderen, weil ihre Ansichten in der entscheidenden Frage nach wie vor unvereinbar bleiben: der künftigen Bündniszuordnung des vereinten Deutschland.

Als das Nachrichtenmagazin Time den sowjetischen Präsidenten in der vergangenen Woche fragte, ob er dazu beim Gipfel in Washington größere Meinungsverschiedenheiten erwarte, gab er zur Antwort: „Ich erwarte sie nicht nur, ich stelle fest, daß es sie geben wird.“ Die beiden Staatslenker, die sieben Stunden lang miteinander konferieren wollen, werden am Ende daran gemessen werden, ob sie bei der Überwindung dieser Differenzen weitergekommen sind. Rüstungskontrolle ist nicht mehr der Kern, sondern nur noch die Verbrämung dieser Begegnung.

Dabei sollte es ursprünglich „ein Abrüstungsgipfel“ werden. Die seit 1985 in den Start-Verhandlungen angepeilte Halbierung der strategischen Atomwaffen sollte endlich beschlußreif sein. Die Unterhändler beider Seiten haben noch in den letzten Stunden vor Gipfelbeginn an dem Dokument gefeilt, damit ihre Chefs es im Weißen Haus feierlich unterzeichnen können: kein fertiger Vertrag zwar, aber doch eine Grundlagenvereinbarung. Im Laufe des Jahres soll sie dann mit all den Einzelheiten aufgefüllt werden, die ein richtiges Rüstungskontrollabkommen erfordert.

Die Grundzüge des neuen Start-Vertrages stehen fest: Danach soll jede Seite nicht mehr als 6000 Atomsprengköpfe auf nicht mehr als 1600 strategischen Trägerwaffen (Raketen und Flugzeuge) besitzen. Komplizierte Zählverfahren relativieren allerdings diese Größenordnung wieder. So wird pro Bombenflugzeug nur ein Sprengkopf angerechnet, obgleich moderne Flugzeuge eine Vielzahl davon transportieren können. Nukleare Abstandswaffen, die von Flugzeugen aus tief in gegnerisches Gebiet gelenkt werden können, werden nicht nach der vollen Ladefähigkeit der Bomber gezählt. Und die von Schiffen abzufeuernden Cruise Missiles werden in den Sprengkopf-Plafond nicht einmal aufgenommen: Bis zu 880 dieser Waffen soll jede Seite zusätzlich in Dienst stellen dürfen. Anstatt, wie einst feierlich verkündet, die strategischen Arsenale der Supermächte um die Hälfte zusammenzustreichen, wird Start ihnen nur rund ein Drittel abzwacken.