ZDF, Montag, 21, und Sonntag, 27. Mai: „Marleneken“

Wie kein anderes Medium kann der Film das Spiel der Erinnerung simulieren: ein blitzartig im Gedächtnis aufscheinendes Bild, hervorgerufen durch ein Stichwort, eine Stimmung; die Rekonstruktionsleistung des Kopfes, wenn Vergangenheit zurückkommt und noch einmal angesehen werden will: Solche inneren Evidenzen finden in der Kamera das ideale Mittel der Darstellung. Und die Analogie wiederum von Kamera- und Erinnerungsarbeit macht ein gut Teil der suggestiven Wirkung des Films aus.

Auch der Reiz des Fernsehens zehrt von dem Wunder einer Veräußerlichung von Bildern, die sonst nur auf der Netzhaut des Geistes so bewegt und beredt vorüberziehen. Das leise, sehr persönliche Fernsehspiel mit viel Introspektion, sei es Traum, Idee, Phantastik, Wahn oder Dejä-vu, ist für das besondere Vermögen der Kamera, die unwillkürliche Bildproduktion des Kopfes zu imitieren, der beste Beweis und deshalb auch ein bevorzugtes Kind der Fernsehspielredaktionen. Die Kunst der Mittel, also die Form, bewähre sich allerdings an einem Plot, einem Inhalt, der mehr spiegelt als die Ablagerungen in einem individuellen Gedächtnis. Filme, die vom Eingedenken handeln, sind zu einer sehr subjektiven Perspektive verurteilt. Mithin droht, wenn die Kamera in den Untiefen der Erinnerung fischt, die Spannungslosigkeit des Allzu-Privaten. Was für die kleine oder mittelgroße Frau von der Straße, nennen wir sie Marilena Folkmann, eine rührende Sensation ist: das Erscheinen eines Bildes, welches sie als Vierjährige neben einem alten Herrn im Garten zeigt, ernsthaft lauschend, während der Greis das Märchen vom Machandelboom erzählt – das macht die Zuschauer vorm Schirm noch lange nicht heiß. Erinnerung, und sei sie noch so schön photographiert und noch so zart erzählt, ist nicht als solche schon interessant. Sie braucht den Zusammenhang, der ihr einen überpersönlichen Sinn erst zuspricht.

Der fehlte in „Marleneken“, dem Zweiteiler von Karin Brandauer (Regie) und Eva Maria Mieke (Buch). Wunderbar gelang in diesem Stück die Illusion einer wiederauferstandenen Vergangenheit: durch geschickte Besetzung der Rollen, Respekt einflößende Leistungen der Schauspielerinnen, kluge Verschränkung der Zeitebenen, treffliche Bilder und ein überlegtes Buch. Das Instrumentarium, mit dem man einen sehr persönlichen, die Reize der Introspektion ausspielenden Fernsehfilm drehen kann, ward vorgeführt – aber anstatt daß die Filmerinnen ihre subtilen Mittel zum Erzählen einer Geschichte verwendet hätten, demonstrierten sie sie nur anhand eines beliebigen Beispiels. Das Banale ist nicht immer schon gleich exemplarisch.

Die Durchschnittlichkeit des Falles Marilena F. hätte keinen Zuschauer vors Gerät und keine Rezensentenfeder in Bewegung gesetzt, wenn nicht dieser Film die Tiefenschärfe und Weichzeichnungen, die Blitze und Überblendungen, die Tricks und Schliche, mit denen die Erinnerung uns zu überraschen pflegt, so schön wiedergäbe. Aber das genügt nicht. Vergangenheit kommt immer aus Gründen zurück, die in der Gegenwart liegen. Diese Gründe hätten auch uns, die Zuschauer, interessieren müssen. Sie blieben eine Familienangelegenheit beliebiger Kunstfiguren. Barbara Sichtermann