Von Viola Roggenkamp

Das hat uns gerade noch gefehlt!“ Das Entsetzen über das Massaker, bei dem sieben Araber aus Gaza von einem israelischen Amokläufer erschossen wurden, ist auf israelischer Seite vielleicht noch größer als auf palästinensischer. Die Stimmung im Land ist zum Zerreißen gespannt: Der Gaza-Streifen ist in diesen Tagen nach dem Unglück gesperrt. Niemand kommt heraus, niemand kommt herein, auch nicht die Presse. In den Städten auf der Westbank demonstrieren die Menschen gegen die Regierung in Jerusalem, die nach über zwei Monaten, nach dem Mißtrauensvotum gegen Jitzchak Schamir, immer noch nicht weiß, wie sie nun weitermachen will. Steine fliegen gegen israelische Autos am Tage wie nachts. Die Militärkontrollen häufen sich, die Zahl der Toten und Verwundeten steigt. Seit dem Massaker in Rishon Lezion, südlich von Tel Aviv, starben dreizehn Menschen und 850 wurden verletzt. Mitte vergangener Woche trugen 200 Demonstranten schwarze Fahnen durch Ost-Jerusalem, und da der Trauerzug nicht angemeldet war, löste ihn die Polizei mit Tränengas auf. Tags darauf wehte in West-Jerusalem überall die weiße israelische Fahne mit dem blauen Davidstern. Die Hauptstadt beging ihren 23. Gedenktag der Wiedervereinigung nach dem Sechs-Tage-Krieg und der Befreiung der Kopl (Klagemauer). Durch Jerusalems Innenstadt zogen Tausende von jungen Israelis, um diesen Tag zu feiern. Härter konnten die Emotionen gar nicht aufeinanderprallen.

Wäre es angemessen gewesen, diesen Feiertag diesmal abzusagen wegen des Massakers? Wäre es sogar gescheit gewesen, um damit den radikalen, islamisch-fundamentalistisch organisierten Palästinensergruppen den Wind aus den Segeln zu nehmen? Sie nutzen die Tat des israelischen Amokläufers für ihre politischen Interessen: „Wir brauchen Waffen statt Steine.“ Die Forderung ist unüberhörbar. Palästinensische Politiker, von israelischen und ausländischen Journalisten befragt, ob mit einer blutigen Rache gerechnet werden muß, zucken hilflos die Schultern.

„Wird es wieder Krieg geben?“ fragt man sich in Israel angstvoll. Wird die Bevölkerung, die politisch so gespalten ist, in ihrer Hilflosigkeit nach einem starken Mann rufen? Auf jeden Fall ist eine solche Zeit reif für Umfragen: 75 Prozent aller israelischen Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen fünfzehn und achtzehn Jahren sind dafür, die Palästinenser von der Westbank zu vertreiben. Das Ergebnis, landesweit publiziert, löste hilfloses Entsetzen aus, bei Lehrern wie bei Eltern, egal welcher politischen Richtung. Denn es war nicht etwa ein Beweis für die Radikalität der israelischen Jugend, sondern Ausdruck ihrer Unwissenheit. Die meisten, und damit beginnt das Problem, kennen gar keinen palästinensischen Menschen persönlich. „Sie arbeiten für uns. Das ist alles.“

Während sich auf der palästinensischen Seite die Jugend zwangsläufig politisiert und auch teils radikalisiert, wird Israels Jugend in diesem politischen Debakel zum Positivismus angehalten. Dabei helfen viele nationale Feste und einige schlechte Vorbilder: zum Beispiel die 150 jüdischen Männer, Frauen und Kinder, die in ein Haus im christlichen Viertel der Jerusalemer Altstadt eingezogen waren. Das Haus gehört der griechisch-katholischen Kirche, wurde an eine Firma aus Panama verpachtet, und die wiederum vermietete es an die jüdischen Siedler, die genau an dem Tag eingezogen waren, an dem in den Kirchen in aller Welt der Juden in besonderer Weise gedacht wird: am Karfreitag.

Die weltweite Empörung über diese Grenzverletzung im Altstadtbereich innerhalb der vier Religionsdistrikte (jüdisch-moslemisch-armenisch–christlich) ließ die israelischen Politiker von links bis rechts um die 400 Millionen Dollar aus den USA zittern, mit denen die russische alija (Einwanderung nach Israel) finanziert werden soll. „Religionsdiskriminierung“ rief man von allen Seiten, am lautesten in Israel selbst. Der Sprecher der jüdischen Siedler nahm den Vorwurf dankbar auf: „Warum dann nicht Juden unter einem christlichen Dach wohnen lassen?“

Der Rechtsstreit, den in seiner Kompliziertheit vielleicht nur noch englische Juristen zu schätzen wüßten, mußte indessen schnell geklärt werden. 130 Siedler haben inzwischen wieder ausziehen müssen. Jerusalems Gerichtspräsident Meir Schamgar hat gesprochen: Zwanzig Mieter dürfen bleiben, bis auch die Zivilklage um den Mietvertrag entschieden ist. Doch bevor sie zwölf Stunden später auszogen, feierten die 150 Siedler erst noch Israels 42. Unabhängigkeitstag.