Von Maria Huber

Seit fünf Jahren redet die sowjetische Führung von der Perestrojka. Jetzt endlich wollte sie ein Machtwort sprechen und wirkliche Wirtschaftsreformen durchsetzen – doch herausgekommen sind dabei nur Preiserhöhungen. Wirklich freie Preise und Gewerbefreiheit nach dem Vorbild Polens haben Präsident Michail Gorbatschow und Regierungschef Nikolaj Ryschkow als eine „Schocktherapie“ für die marode Sowjetwirtschaft entschieden abgelehnt.

Dennoch versetzte der Startschuß für den „Übergang zu einer regulierten Marktwirtschaft“ – wie es offiziell hieß, die Bevölkerung in Panik. Ryschkow hatte angekündigt, daß Getreideprodukte vom 1. Juli an das Zwei- bis Dreifache kosten werden. Unmittelbar nach der zweistündigen Rede des Ministerpräsidenten, die das Fernsehen am vergangenen Donnerstag aus dem Parlament übertrug, stürmten Millionen Sowjetbürger in den großen Städten zum „Schlußverkauf“. In Kiew schleppten die Ukrainer anderntags 500 Tonnen Mehl und 320 Tonnen Nudeln davon – rund siebenmal soviel wie an einem normalen Tag.

Chaos und Hysterie brachen auch in Moskau aus, wo Hunderttausende von Käufern binnen zwei Tage die Lebensmittelbestände eines ganzen Monats abräumten. Daraufhin beschloß der Stadtrat in einer Dringlichkeitssitzung, Hamsterkäufe sowjetischer Einkaufstouristen zu unterbinden, die bislang vierzig Prozent der Waren aus Moskau „ausführten“. In den nächsten zwei Wochen sollen die Geschäfte an Ortsfremde aus der fernen Provinz nur noch Bagatellerzeugnisse in kleinen Mengen verkaufen dürfen. Eine Paßkontrolle wurde eingeführt, die städtische Polizei hält die Autos an den Ausfallstraßen an und inspiziert die Kofferräume.

Moskaus neuer Bürgermeister, der Reform-Ökonom Gavrijl Popow, fürchtet aber, die Situation könnte außer Kontrolle geraten. Denn die Wut der Bevölkerung kennt keine Grenzen. Es half wenig, daß der Ministerpräsident Ryschkow beteuerte, die Mehreinnahmen von 17,5 Milliarden Rubel im zweiten Halbjahr werde der Staat bis auf die letzte Kopeke der Bevölkerung zurückerstatten. Vernunft und Besonnenheit herrschte nicht einmal im Obersten Sowjet, wo die Abgeordneten dem von ihnen vor knapp einem Jahr gewählten Premier nicht einmal mehr höflichen Beifall zollten. Selbst für die Mehrheit der neuen Volksvertreter, denen ja die Wähler im Nacken sitzen, war der Abschied von den vermeintlich auf alle Ewigkeit staatlich fixierten Brotpreisen ein Schock. Einige Deputierte erklärten im Brustton der Überzeugung, Brot sei nicht nur ein Grundnahrungsmittel, sondern die „Seele des Volkes“, „gleichbedeutend mit Sozialismus“.

Gegen solche Mystifikationen scheint kein Kraut gewachsen. Ein junger Abgeordneter aus Krasnodar fragte ironisch: „Woher würden wir jetzt eigentlich Getreide einführen, wenn die sozialistische Revolution in der ganzen Welt gesiegt hätte?“ Doch viele Abgeordnete bekehrte nicht einmal die Einsicht in die für die Volkswirtschaft untragbar gewordenen Folgen spottbilliger Brotpreise: Fehlorientierung der Nachfrage, Verschwendung, Verschuldung.

Lieferungen in Gefahr