Für Seelenforscher, Schwerpunkt Massenpsychologie, dürften die Deutschen im Augenblick ein faszinierendes Objekt sein. So viele Brüche in einer kollektiven Gemütslage binnen kurzer Frist lassen sich nur selten beobachten. Wie war das noch im vergangenen Herbst?

Aufatmen, Jubel, Freudentränen. Ob am Brandenburger Tor, in Saarbrücken, Kiel oder Berchtesgaden – überall wurde gefeiert, knallten die Sektkorken. Doch mit der Freude kam auch schnell das Vergessen: Heute erinnert sich anscheinend nurmehr eine Minderheit, daß noch zu Beginn des vergangenen Jahres Menschen an der Mauer starben, daß Stacheldraht und Minenfelder einen brutalen Strich mitten durch Europa zogen. Diese Vergeßlichkeit spiegelt sich wider in der statistisch erfaßten öffentlichen Meinung. Bangen und Egoismus, so die Erkenntnisse der Forscher, prägen zunehmend das deutsche Gemüt.

Wer den oft kritisierten Hurra-Patriotismus sucht, wird ihn jedenfalls nur auf der Titelseite eines riesigen Boulevardblattes finden. Selbst freudige Erwartung auf das Ende der Teilung läßt sich bloß selten ausmachen. Das erfuhr jüngst auch der amerikanische Präsident. Als er den Kanzler fragte, ob hier nicht eine Riesenparty im Gange sei und die Deutschen auf den Tischen tanzten, bekam er eine kleinlaute Antwort. Zu seinem Leidwesen konnte Helmut Kohl nur sauertöpfische Mienen vermelden.

Wichtigste Ursache für die Grämlichkeit wird die Angst ums Portemonnaie sein. Die Regierungspolitiker bestreiten zwar jede Notwendigkeit für einen Aderlaß, aber die Steuerzahler ahnen Schlimmes. Sie glauben nicht an die Vereinigung zum Nulltarif. Und je öfter sie die Beschwichtigungsformeln hören, scheint es, um so mehr schwindet ihre Gebefreudigkeit.

Meinungsumfragen belegen die Tendenz zu verschlossenen Taschen. Bei einer ZEIT-Befragung Anfang März erklärten 51 Prozent, ihre Opferbereitschaft sei „nicht groß“. Einen Monat später wollten 36 Prozent gar überhaupt keine Opfer für die Einheit bringen (Spiegel). Der stern ermittelte im Mai 41 Prozent Opferunwillige; bei einer Spiegel- Umfrage eine Woche danach zählten sogar 71 Prozent der Befragten zu dieser Kategorie.

Die Westdeutschen, ein Volk von Pfennigfuchsern? Nach so vielen erfolgreichen Spendenaktionen für Gott und die Welt käme der Anfall von Geiz überraschend. Die mögliche Erklärung: Bisher hat noch kein Politiker den Bundesbürgern überzeugend erklärt, warum sie Opfer bringen sollten. Dabei gibt es mehrere einleuchtende Gründe für einen Appell an die Großzügigkeit der Westdeutschen.

Erstens verdienen die Menschen der DDR nach über vier Jahrzehnten der Entbehrung unsere Unterstützung. Zweitens trüge bewußte Solidarität dazu bei, Geduld und Hoffnung drüben zu fördern. Jede vom Volk getragene Hilfe wäre deshalb ein Beitrag zur Stabilisierung im Herzen Europas – und somit für den Frieden. Gibt es eine Investition mit besserer Dividende?

Wo schon die Bundesbürger der Einheit skeptisch entgegensehen, hegen unsere Nachbarn noch deutlichere Bedenken. Selbst die im Westen finden anscheinend immer weniger Freude an den gesamtdeutschen Perspektiven. Beim Mauerbau waren sie mit beeindruckenden Mehrheiten dafür: die Franzosen (80 Prozent), die Holländer (76 Prozent) und die Belgier (71 Prozent). Jetzt befürworten nur noch 66 Prozent der Franzosen, 59 Prozent der Holländer und 61 Prozent der Belgier die Vereinigung. Ein ernüchternder Trend. Wenn er anhält, haben die Deutschen echten Anlaß zur Trübsal. Dieter Buhl