ARD, Dienstag, 5. Juni, 23 Uhr: „Zärtlich kreist die Faust“, Filmtagebuch mit dem Schriftsteller Lutz Rathenow

Plötzlich wurde mir klar, daß der Fernsehturm immer noch steht.“ Lutz Rathenow durchstreift Ost-Berlin und staunt über alles, was noch am alten Platz ist. Und staunt, daß eigentlich alles noch am alten Platz ist – nur ein ganz kleines bißchen verrückt. Man glaubt ihm, daß man verrückt werden muß in einer Stadt mit so winzig kleinen Verrückungen.

„Wahnsinn“, sagten die Leute am Brandenburger Tor, als man sie nach ihren Übergangsgefühlen befragte. Mehr ist dazu tatsächlich nicht zu sagen. Jedenfalls nicht jetzt. Angst, Euphorie, Verrückung allenthalben: die angemessene Reaktion darauf, daß eine gewohnte Lebenswelt plötzlich von ein paar Bühnenarbeitern abgeräumt und ins Kulissen-Magazin getragen wird.

Auch Lutz Rathenow ist nach Verstummen zumute, doch er schreibt Tagebuch. Warum? Aus Angst, nicht mehr mitreden zu können, wenn er nicht weiterredet? Aus Angst, etwas zu verpassen oder zu vergessen in diesen „historischen Tagen“? Seine Aufzeichnungen sind Selbstvergewisserungen mit Hilfe der alten Gewißheiten und zumeist hilflose Versuche, den Umbruch irgendwie aufzunehmen, ihm Sprache zu geben in seinen Spurenelementen, in den winzigen Verrückungen des Gewohnten.

Die Bilder sind oft genauso ratlos wie der Text, mitunter gelingen auch wunderbar klarsichtige Sequenzen: wenn die Kamera an den rötlich-violetten Scheiben vom Palast der Republik entlangsucht und vom getönten Glas abgewiesen wird und Rathenow über die Partei als die sich häutende Zwiebel spricht. Wenn wir den Autor im Fußgängertunnel von der produktiven Enge der DDR reden hören, dann stellt sich dieser typische Blick von unten her, dieser besondere poetische Ton, der aus Bedrückung innere Freude und Erleichterung macht.

Mit der Kamera wird Realsatire eingefangen: Rathenow, Jahrgang 1952, vor dem neuen Prorektor der Universität Jena. In diesem Raum hatte man ihm vor Jahren die Exmatrikulation verkündet. Heute entschuldigt man sich: Es seien politische, nicht fachliche Gründe gewesen, Gründe, die nun „in Wegfall geraten“ seien. Der Fortführung seines Studiums stünde nichts mehr im Wege. Dies nach knapp zwanzig Jahren. Und in allem Ernst. Ernst ist es der Rathenow-Generation tatsächlich mit dem großen Warten gewesen. Viele derer, die da nun entlassen werden aus der Erziehungsanstalt, überlegen ernsthaft, ob ihr Haar denn schon zu grau sei, um endlich etwas Richtiges zu studieren ...

Eigentlich aber ist dieses Tagebuch, der Film, ein Umherirren in Bekanntem, das sich auflöst und fremd wirkt, das in neuem Licht seine alte Bedeutung verliert. Rathenow notiert „lauter Ansätze“, die Kamera sucht die Fassaden im Prenzlauer Berg ab: Da ist nichts mehr, woran man sich halten könnte, nur Klischees vom ehemaligen „Prenzlauer Berg“ oder eben sanierungsbedürftige Altbauten. „Welche Musik liebe ich jetzt eigentlich?“ Lutz Rathenow wird möglicherweise in einem westlichen Plattenladen auf die Suche gehen und dort für immer aus dem Ohr verlieren, welche Musik er eigentlich liebt.

Martin Ahrends