Ein dürrer Mann mit Hakennase und Schnurrbart, Baskenmütze auf dem Kopf, Palette in der linken und Pinsel in der rechten Hand, sitzt auf dem Hocker, zeigt auf die Staffelei. Er arbeitet vor dem Motiv und hat es auch schon geschafft: eine Gondel, tiefblaues Wasser, Markusplatz, Campanile, Dogenpalast. Venedig? Erraten! „Venezia“ heißt das Bild mit Bild. Und wer ist der Künstler im Bild? Keiner weiß es, denn es ist der Künstler schlechthin. „Venezia“, das Bild des jungen holländischen Künstlers Rob Schölte, zeigt den unbekannten Maler bei der Arbeit. Die Leinwand, mit ihren 4,50 mal 3,00 Metern könnte man sie ein venezianisches Format nennen, hängt im holländischen Pavillon der 44. Biennale der Kunst, die am vergangenen Wochenende in Venedig eröffnet wurde. Und damit man nicht vergißt, wie der Maler heißt, von dem noch rund zwanzig andere große und kleine Bilder quer durch die Stile und Zeiten stammen, die hier zu sehen sind, trägt ein Bild am Eingang nur die große Signatur: Rob Schölte.

Ein junger Mann, splitterfasernackt und mit einem auch nicht viel bekleideteren Gesichtsausdruck, ruht bequem auf einer Wasserstoffsuperoxid-Blondine, die ihrerseits durch sparsame Dessous und hochhackige Pantöffelchen berufsbedingte Akzente setzt; ein Drachen- oder Schlangentier, das sich unter dem Paar ringelt, polstert diese menschliche Begegnung angenehm ab. Wer sind die beiden? Jeder weiß es, denn sie sind sich darin einig, daß sie nichts zu verbergen haben vor einander und der Welt, außerdem sind sie in Venedig nicht nur liegend in Holz, sondern auch spazierengehend in Fleisch und Blut zu sehen. Sie ist Ilona Staller (38), Italiens bekannteste Parlamentsabgeordnete und Pornodarstellerin, genannt „Cicciolina“ (Schnuckelchen). Er ist Jeff Koons (35), Amerikas Jungstar der Kunst, der sich in der gewinnbringenden Vermengung von Kitsch, Klatsch, Kommerz und Kunst auskennt wie kein anderer. Koons von Koons: Zwar hat der Künstler, der seine Arbeiten aus Holz gern in Oberammergau oder Österreich anfertigen läßt, auch dieses lebensgroße Werk nicht selber hergestellt. Aber er ist der Autor von Jeff und Ilona (made in Heaven)“. Zu sehen in der „Aperto“ genannten Sonderausstellung der Biennale, in der junge Künstler vorgestellt werden.

Hat Rubens sich nicht auch mit einer jungen, schönen Frau im Doppelportrait vorgestellt? Daß es die Angetraute war und daß man, angezogen in der Geißblattlaube sitzend, nur die Hände übereinanderlegte, entsprach den Sitten der Zeit. Apropos Rubens: Natürlich malt auch Rob Schölte seine Bilder, seine kitschigen und seine komischen und seine banalen und seine schlauen, nicht alle selbst. Rubens, so sagt er, hat schließlich auch eine ganze Werkstatt beschäftigt. „Ich möchte ein großes Unternehmen sein“, fügt Schölte, drei Jahre jünger als Koons, hinzu. „Das ist nötig. Das ist wichtig für mich. Und dann bin ich einfach ein Manager.“ Jeff Koons, der in früheren Jahren Playboy-Häschen in Edelstahl hat gießen lassen und Michael Jackson, den schönsten schwarzweißen Mann-Frau-Verschnitt, zusammen mit seinem Hausäffchen in Porzellan gestaltet hat, ginge auch dieser alteuropäische Werkstattbegriff wohl noch zu weit. „Ich berühre meine Arbeit nie... Ich versuche, meine subjektive Position soweit wie möglich herauszuhalten, obwohl ich ja eine Ideenfabrik bin“, sagte er in einem Interview. Auch das Schnuckelchen hat er möglicherweise nie berührt (es sei denn, sie hat darauf bestanden).

Die mit ihrem Geschäft beschäftigte Kunst, die in sich selbst verliebten Künstler, die freundlichknallharten Jungmanager: In Venedig geben Jeff Koons und Rob Schölte zwei schöne Beispiele für diese Attitüde. Die Banalität des Banalen: Mit dieser Tautologie als Ideologie läßt sich alles und das Gegenteil von allem schnitzen, malen, machen. „Explizit und implizit politisch“ wird die Arbeit von Jeff Koons im Katalog genannt. Wird Kunst durch die Anwesenheit von Ilona Staller politisch? Dann müßte ja auch die Politik durch sie erotisch werden. Von beidem ist leider nichts zu spüren. Rob Schölte ist auch da noch altmodisch europäischer, nämlich wirklich versuchsweise politisch. „NO EXPO“ heißt eine seiner Leinwände, und auf der Rückseite des im holländischen Pavillon verteilten Faltblattes werden, fünfsprachig, Unterschriften erbeten gegen die Bewerbung Italiens für die Weltausstellung 2000 in Venedig.

Der amerikanische Pavillon ist leer, nur klassizistische Marmorbänke stehen an den Wänden von zweien der vier Räume, die links und rechts des Eingangs liegen. Der amerikanische Pavillon ist voll, man muß Schlange stehen, um gruppenweise hereinzukommen. Im amerikanischen Pavillon wird nicht, wie anderswo, parliert und diskutiert, die Leute schauen entweder auf den Boden oder an die Wände. Sie lesen. Jenny Holzer, deren auf Lichtschriftbändern vorbeieilende „Binsenwahrheiten“ im letzten Winter im Spiralbau des New Yorker Guggenheim-Museums die Rampe auf- und abwanderten (und den überfälligen Sieg der Kunst über das Anti-Museum proklamierten), hat den amerikanischen Pavillon perfekt und makellos gefüllt und entleert. In den zwei Vorräumen sind rote und schwarze beziehungsweise rote und weiße Marmorplatten im Rhombenmuster verlegt. Auf den roten Platten sind in goldenen Buchstaben in englisch, französisch, deutsch, italienisch und spanisch Sätze wie diese graviert: „Folter ist barbarisch; lieber naiv als blasiert; Land gehört niemandem.“ Eine beinahe feierliche Stille herrscht in diesen Räumen, man geht behutsam, wie über Grabplatten in Kirchenräumen. Dann, durch blankpoliert-spiegelnden Marmorboden vervielfältigt, ein Gewitter der laufenden Licht-Sprüche in den jeweils anschließenden, verdunkelten Räumen, einmal fallend vertikal in englisch, einmal vielfarbig flackernd und wuchernd horizontal in mehreren Sprachen, einmal persönliches Bekenntnis in der Ich-Form, einmal allgemeines Man-Pamphlet.

Jenny Holzers Protestantismus und ihre Professionalität, beide deutlich made in USA, addieren sich vor dem Hintergrund und mit den Materialien italienischer Sinneslust zu einer Arbeit von ganz eigener Intensität. Schade, daß die Künstlerin, so, wie sie’s auch anderswo schon gemacht hat, ihre Sentenzen noch zusätzlich über die Stadt und auf T-Shirts verteilt hat – da werden sie zu Sprüchen.