Mit der Angst im Nacken gingen am Wochenende nur etwa die Hälfte der dreizehn Millionen wahlberechtigten Kolumbianer an die schwerbewachten Urnen, um ein neues Staatsoberhaupt zu wählen. Die Mehrheit entschied sich für Cesar Gaviria Trujillo von der regierenden Liberalen Partei. Der 43jährige Wirtschaftsfachmann und ehemalige Innenminister ist der bisher jüngste Präsident in der Geschichte Kolumbiens. Erst nach dem Mord am liberalen Bewerber Luis Carlos Galán ist Gaviria Trujillo Favorit geworden. Der Sohn Galans forderte ihn am Grab des Vaters auf, die Politik des Toten fortzusetzen: Kampf der Drogenmafia.

„Eine Wahl der Überlebenden“ nannte eine Zeitung in Bogotá den Urnengang vom Sonntag. Zwölf Kandidaten bewarben sich um das höchste Amt – ohne sich auf die Straße zu trauen. Mit allen Mitteln versuchten Terrorkommandos der Drogenkartelle, maoistischer Guerillas und faschistischer Todesschwadronen die Wahl zu stören. Die Welle der Gewalt steigerte sich zu einem offenen Krieg auf den Straßen von Medellín und Bogota, der jeden Tag ein Dutzend Opfer forderte.

Zur Überraschung aller verlief der Wahltag aber friedlich. Rund 48 Prozent votierten für Cesar Gaviria. Der Konservative Alvaro Gomez Hurtado erhielt nur knapp halb so viele Stimmen. Ein großer Sprung gelang der ehemaligen Guerilla-Organisation M-19, die dem bewaffneten Kampf abgeschworen hat und sich nun als sozialdemokratische Kraft versteht. Für ihren Kandidaten Antonio Navarro Wolff stimmten immerhin dreizehn Prozent der Wähler. M-19 hat damit das Kartell von Liberalen und Konservativen, die sich jahrzehntelang die Posten untereinander geteilt hatten, gesprengt.

Cesar Gaviria, der im August sein neues Amt antreten soll, erklärte noch in der Wahlnacht, er wolle den Krieg gegen die Rauschgiftmafia fortsetzen. Das ist leichter gesagt als getan. Die Drogenkartelle von Medellín und Cali operieren wie ein Staat im Staate, eingebettet in eine Subkultur von Macht und Gewalt, an der ehrgeizige Generäle ebenso teilhaben wie reiche Viehbarone, korrupte Landesfürsten und Parteifunktionäre.

Kann sich die kolumbianische Gesellschaft selber aus dem Sumpf der Korruption und Gewalt ziehen? Viele, die vordem noch erbittert gegen die Demokratie gestritten haben, halten nun den Zeitpunkt für eine Wende gekommen. Denn die Kolumbianer haben nicht nur einen neuen Präsidenten gewählt, sondern auch klar dafür votiert, die über einhundert Jahre alte Verfassung des Landes zu entrümpeln. Cesar Gaviria wird eine Verfassungsgebende Versammlung einberufen müssen. Eine neue Magna Charta soll endlich eine moderne Demokratie in Kolumbien begründen – ohne Caudillos und Despoten, Drogenbosse und bewaffnete Missionare. Carl D. Goerdeler