Zum Auftakt des dritten Jahrtausends hat sich die sogenannte zivilisierte Welt zur Nabelschau in Venedig getroffen. Der technologische und wissenschaftliche Fortschritt, die Lebensart und Lebensphilosophie, Hoffnungen und Ängste haben die Staaten in den Pavillons der „Veneziaexpo 2000“, der Weltausstellung in der Lagunenstadt, ausgestellt. Doch das von einer kleinen Gruppe gewissenloser Politiker und Industrieller Italiens gewollte epochale Ereignis wird für Venedig selbst zum Alptraum: Unter dem Ansturm von täglich 400 000 Besuchern bricht das Nahverkehrssystem zusammen. Auf den Kanälen herrscht ein Gedränge wie zur Rush-hour in New York: Luft und Wasser werden mit den Abgasen der Bootsmotoren nicht mehr fertig. Bis weit auf das Festland sind die Hotelbetten auf Monate hinaus ausgebucht. Der Markusplatz ist zu einem riesigen Schlafsaal unter freiem Himmel umfunktioniert worden. Die Lagune und die engen Gassen ersticken unter Abfällen und Exkrementen. Was Wind und Wetter, Kriege und politische Nachlässigkeit in Jahrhunderten nicht schafften, haben die „barbarischen Horden“ in drei Monaten erreicht: Als die „Expo 2000“ die Pforten schließt, ist Venedig eine todgeweihte Stadt.

Je näher der 14. Juni rückt, an dem das Bureau international des expositions (Bie) in Paris zumindest eine Vorentscheidung über die Bewerbungen von Venedig, Toronto und Hannover fällen wird, um so düsterer malen die Gegner der „Veneziaexpo“ die Folgen für die Lagunenstadt. Mit Grauen erinnern sie an das Megakonzert der englischen Rockgruppe Pink Floyd im Sommer 1989, das mehrere zehntausend Jugendliche aus ganz Europa für zwei Tage nach Venedig lockte. Cola-Dosen, Papier und Kothaufen knöcheltief auf dem Markusplatz und Bilder von Rockfans, die mit entwaffnender Selbstverständlichkeit an Kirchentüren und Museumswände urinierten, gelten heute ausgerechnet den Organisatoren dieses Konzerts als Beweis dafür, daß Venedig mit einer Weltausstellung nicht fertig werden kann. Über eine breitgefächerte Pressekampagne haben sie sich die Unterstützung vieler Intellektueller im In- und Ausland gesichert. „Die Expo wäre für Venedig tödlich. Punkt und Schluß“, sagt zum Beispiel der Philosoph Massimo Cacciari, der die Promotoren der Kandidatur offen verdächtigt, nicht an dem Schicksal der Stadt, sondern nur an den eigenen Konten interessiert zu sein. Und der Schriftsteller Cesare De Seta spricht nicht nur Venedig, sondern ganz Italien die Fähigkeit ab, sich auf Weltniveau zu präsentieren. „Mit den Skandalen rund um die Fußball-WM haben wir die staatliche Ineffizienz zum offiziellen Wappenbild aufgewertet. Wenn wir den Staat unter diesen Prämissen an das komplizierte Gleichgewicht Venedigs heranließen, wäre eine Katastrophe nicht zu vermeiden.“

Ähnlich denkt auch die Mehrheit der Venezianer selbst. „Es ist eine Schande, daß die Politiker sich nur dann an Venedig erinnern, wenn mit der Stadt entweder Posten oder Geld eingesackt werden können“, protestieren zwei Kunststudentinnen vor der bestreikten Akademie. Nachdem der Mensch die Lagune schon weitgehend ruiniert habe, sei jetzt offensichtlich die Stadt selbst an der Reihe, schimpft ein Gondoliere vor dem Palazzo Grassi. „Wenn das Schicksal für Venedig wirklich den Untergang vorherbestimmt hat, dann soll es eben der Untergang sein. Aber heiter, ohne Luxusbegräbnis und vor allem ohne daß die ganze Welt uns den letzten Fußtritt gibt.“ Die Abgeordneten des Europaparlaments mit dem ehemaligen französischen Präsidenten Valéry Giscard dÉstaing an der Spitze haben der Regierung in Rom mit großer Mehrheit empfohlen, die Bewerbung noch vor der Pariser Konferenz zurückzuziehen. Und auch unter den Industriellen, die sich an dem Konsortium für „Veneziaexpo“ beteiligt haben, machen sich angesichts des allgemeinen Protestes erste Zweifel breit. „Sollte sich herausstellen, daß die Weltausstellung eine Gefahr und nicht eine Chance für Venedig darstellt, werden wir uns sofort zurückziehen“, sagen etwa Fiat-Präsident Gianni Agnelli und Olivetti-Chef Carlo De Benedetti. Der christdemokratische Premierminister Giulio Andreotti hat schon zu erkennen gegeben, auf welcher Seite er steht: „Eher werde ich Papst, als daß die Weltausstellung in Venedig stattfindet.“

Natürlich gebe es Probleme in Venedig, antwortet der Stadtplaner Giorgio Lombardi den Gegnern der Weltausstellung. „Aber die da so lautstark protestieren, sind ausgerechnet diejenigen, die die Stadt seit Jahrzehnten regieren und die dafür verantwortlich sind, daß es hinter den Kulissen dieses scheinbaren Paradieses an so gut wie allem mangelt.“ Die Expo sei nichts anderes als das letzte verbliebene Instrument, um die Politiker zum Handeln zu zwingen. Schon heute, und zumindest in diesem Punkt sind sich das Konsortium und seine Gegner einig, wird Venedig mit dem Touristenansturm nicht mehr fertig. Und nichts deutet darauf hin, daß die Zukunft besser wird. Im Gegenteil. Alle Untersuchungen gehen davon aus, daß die jährliche Zahl von derzeit rund zehn Millionen Übernachtungen in Vendig im kommenden Jahrzehnt um rund ein Drittel ansteigen wird. „Obwohl diese Daten seit langem bekannt sind, ist Venedig noch immer nur über eine Brücke mit dem Festland verbunden, an der sich alles staut: Touristen und Venezianer ebenso wie der gesamte Warenverkehr.“

Warum hat die Stadtverwaltung nicht schon längst Parkplätze für die Touristen auf dem Festland gebaut und diese über schnelle Bootsverbindungen mit der Lagunenstadt verbunden? Warum gibt es noch keine Zugverbindung zum Flughafen Tessera und von dort einen angemessenen Bootsanschluß nach Venedig? Warum sind die lebenswichtigen Kanäle zum Teil seit Kriegsende nicht mehr ausgebaggert worden? Wer, wenn nicht die Stadtregierungen der letzten Jahre, ist dafür verantwortlich, daß erhebliche Teile des von Rom finanzierten Sonderfonds für Venedig nicht verwendet werden und die Gelder deshalb Jahr für Jahr wieder in die Staatskasse der Hauptstadt zurückfließen? „Wie es um die von den Expo-Gegnern beschworene Lebensqualität bestellt ist, zeigt die Bevölkerungsstatistik: In den letzten zwanzig Jahren hat sich die Zahl derjenigen, die in Venedig selbst wohnen, fast halbiert. Heute sind wir nur noch 70 000 Einwohner, und jedes Jahr werden es tausend weniger.“

Am meisten aber ärgert sich der bei der Unesco hochgeschätzte Lombardi darüber, daß die Gegner von „Veneziaexpo“ einen wichtigen Aspekt regelmäßig unterschlagen: „Wir wollen eine Weltausstellung, die die ganze Region des Veneto einbezieht.“ Außer Venedig und der Schwesterstadt Mestre auf dem Festland sollen die bereits bestehenden Messestrukturen von Verona, Padua und Vicenza einbezogen werden. „Endlich würden die großen Städte der Region die seit langem geplanten und nie begonnenen Schnellbahnverbindungen erhalten. Eine U-Bahn unter den Kanälen der Lagune würde den öffentlichen Nahverkehr erheblich erleichtern.“ Nicht mehr wie bei den Weltausstellungen der letzten Jahrzehnte verstreut liegende Pavillons der Nationen, sondern eine zentrale Struktur in Mestre soll das Herzstück der Expo werden, in der jedes Land seinen Stand einrichtet. „Dieses auch für Kongresse geeignete Zentrum bliebe der Stadt – und zwar am Rand und nicht in ihr – nach der Ausstellung erhalten.“ Das „Gehirn“ von „Veneziaexpo“ allerdings soll in Venedig entstehen. Dazu ist die vollständige Restaurierung des heute in einem desolaten Zustand befindlichen Arsenals vorgesehen. In den historischen Strukturen des Arsenals, ohne daß Neues hinzugefügt wird, sollen später zum Beispiel die über die ganze Stadt verstreuten Schulen für Restaurierung und altes Handwerk konzentriert werden. Keines dieser Projekte sei nur für die Weltausstellung gedacht, verteidigt sich Lombardi. „Wenn morgen früh unsere Gegner kommen und garantieren, die von ihnen seit Jahrzehnten verschobenen Infrastrukturen in angemessener Zeit zu realisieren, können wir ruhigen Gewissens auf ,Veneziaexpo‘ verzichten. Die Weltausstellung, um es noch einmal zu wiederholen, ist nur ein Vehikel, um die Sanierung dieser auf der Welt einzigartigen Stadt endlich und ernsthaft zu beginnen.“

Keiner der Gegner habe sich jemals für die umfangreichen Vorabstudien des Expo-Konsortiums interessiert, klagt auch der aus der Lagunenstadt stammende Gianni de Michelis. „Macht mich zum Bürgermeister von Venedig, und ich werde euch beweisen, wieviel Gutes dieses Projekt für die Stadt in petto hat.“ Der quirlige Sozialist, dem auch das Amt des italienischen Außenministers die Lust auf Discos und durchtanzte Nächte nicht hat nehmen können, gilt als der Vater der Kandidatur Venedigs. „Die Diskussion um die Weltausstellung ist zu einem ideologisch befrachteten Streit verkommen“, beschuldigt er seine Kritiker. „In der Vergangenheit haben sie nichts für Venedig getan, und jetzt, wo die Gefahr besteht, daß ihre Versäumnisse dem ganzen Land vorgeführt werden, sollen wir als die eigentlichen Barbaren diskreditiert werden.“

Zumindest in diesem Punkt stimmen die Venezianer mit dem Außenminister überein. „Die Probleme sind nicht neu“, sagt der Apotheker von Campo San Marco. „Daß sie jetzt als Argument gegen die Weltausstellung verwandt werden, ist zumindest unehrlich.“ Wenn überhaupt etwas, könne nur das Druckmittel von „Veneziaexpo 2000“ die Politiker dazu bewegen, die Probleme nicht nur Venedigs, sondern der gesamten Region endlich anzupacken. Wenn er wie die meisten seiner Mitbürger trotzdem gegen die Weltausstellung ist, dann tut er dies aus lebenslanger Erfahrung mir einer der uritalienischen Unarten. „Das würde ausgehen wie mit den Plänen zur Fußballweltmeisterschaft. Jahrelang würde gestritten und nichts getan. Und dann, im letzten Moment, würde hastig, schlecht und mit genialer Improvisation gearbeitet. Also genau das, was wir hier seit langem erleben. Nur diesmal im großen Stil und deshalb im Endeffekt für Venedig wirklich tödlich.“