Fachleute streiten darüber, ob die Kaufkraft der DDR-Bürger steigen oder sinken wird

Von Dirk Kurbjuweit

Schlimm ist es, ein gut gefülltes Portemonnaie zu haben, aber nicht nach Wunsch einkaufen zu können, weil die Läden leer sind. Die DDR-Bürger lebten vierzig bittere Jahre mit diesem Gegensatz von Warenmangel und Geldüberfluß. Bald werden sich die Regale in den Kaufhäusern biegen, doch gleichzeitig droht den Geldbörsen Ebbe. Dreht sich also alles um? Steht den Menschen von Rostock bis Chemnitz neuer, vielleicht noch ärgerer Frust bevor, weil das Land mit Waren überschwemmt wird, die sich niemand leisten kann?

Werden gar die DDR-Bürger erfahren, daß ihre geschmähte Ost-Mark in gewisser Hinsicht wertvoller war, als es die kraftstrotzende Deutsche Mark ist? Sicher ist, daß mit der Westwährung bessere Waren zu haben sind: Golf statt Trabi, Wurst mit mehr Fleisch und weniger Fett. Doch neben der Qualität zählt gleichermaßen die Quantität; man muß auch satt werden. Ganz entscheidend ist deshalb die Frage: Werden die DDR-Bürger für eine Deutsche Mark mehr oder weniger kaufen können als vordem für eine Ost-Mark? Anders gesagt: Sinkt oder steigt ihre Kaufkraft?

Genau diese Frage ist zwischen zwei renommierten Forschungsinstituten in der Bundesrepublik umstritten; beide legten Studien vor mit genau entgegengesetzten Aussagen: Das Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung kam zu dem Schluß, daß die Deutsche Mark den DDR-Bürgern höhere Kaufkraft beschert. Prompt widersprach das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in West-Berlin: Die Kaufkraft sinke, vor allem bei den unteren Einkommen.

Damit herrscht Unsicherheit auf einem äußerst wichtigen Feld. Denn nicht zuletzt die Kaufkraft wird darüber entscheiden, ob das Experiment Währungsunion gelingt. Denn wer im Schlaraffenland lebt, aber an den Speck nicht herankommt, wird bald das Weite suchen: Der Strom der Übersiedler könnte erneut anschwellen.

Beide Institute setzen voraus, daß sich Reallöhne und Mieten zunächst nicht ändern. Die Entwicklung der Güterpreise versuchten sie zu schätzen. Auf zwei Warengruppen kommt es dabei an: Nahrungsmittel sowie Verbrauchs- und Gebrauchsgüter, zum Beispiel Kühlschränke und Textilien. Die Preise für Lebensmittel werden relativ schnell auf das Niveau der Bundesrepublik steigen. Rund 35 Milliarden Mark gaben Erich Honeckers Planwirtschaftler für Lebensmittel-Subventionen aus. Ihr Kalkül war: Wer satt ist, muckt nicht so leicht auf. So kommt es, daß in der DDR fünf Kilo Kartoffeln 85 Pfennig kosten, in der Bundesrepublik dagegen 4,94 Mark. Bei einem Kilo Brot reicht die Spanne von 52 Pfennig in der DDR bis zu 3,17 Mark in der Bundesrepublik (1988 laut Statistischem Bundesamt und Statistischem Jahrbuch der DDR). Wenn am 1. Juli die Marktwirtschaft im Osten Deutschlands offiziell Einzug hält, werden die Subventionen zum größten Teil gestrichen. Das Ifo-Institut nimmt an, daß die Preise bei Nahrungsmitteln um vierzig Prozent nach oben schießen könnten.