Trotz dieser Defizite sind der Salonbesuch und die Salonakzeptanz auf extrem hohem Niveau geblieben: Während in der Bundesrepublik Deutschland die Salonbesuchsintervalle kontinuierlich auf bis zu 9,3mal im Jahr geschrumpft sind, gehört der wöchentliche oder spätestens vierzehntägige Salonbesuch zum DDR-Alltag. Hier stimmt der Spruch „Man gönnt sich ja sonst nichts!“ in treffender Weise.

„Friseurbesuch zur Erholung“ – ein Beitrag der „Deutschen Wirtschaft“, einer Verlagsbeilage zur „FAZ“ vom 28. Mai 1990

Zu spät

Manchmal fragen wir uns, ob nicht vielleicht im nächsten Frühling die Lerche zum letztenmal singt. Denn ist es nicht bald soweit? Die Natur, von uns beispiellos mißbraucht, schlägt zurück. Orkane, Überschwemmungen, Hitzewellen, Dürren und Kälte wie noch nie, und die Fuchsien auf unserem Eppendorfer Balkon sehen auch schon ganz matt aus. Während wir sie mit der Gießkanne bewässern, kommt uns eine geniale Idee: Man müßte einen Roman schreiben, der die Menschen aus ihrem Phlegma reißt, der den Kampf einer Gruppe engagierter Menschen um die Rettung unseres Planeten zeigt, einerseits, während andererseits gewissenlose Politiker und eiskalt auf Gewinn bedachte Konzerne die Menschheit ihrem ökologischen Selbstmord entgegentreiben. Und diese Geschichte, stellen wir uns vor, wird von einem verzweifelten Schriftsteller geschrieben, der uns natürlich nicht zu ähnlich sein darf, denn verzweifelt sind wir natürlich, aber bis zum Schriftsteller wird es noch ein Weilchen dauern, einem Schriftsteller also, der eigentlich nie mehr schreiben wollte, weil alles so hoffnungslos ist, in dem aber eine bittersüße Liebe erwacht zu einer jungen und schönen Dolmetscherin, nennen wir sie Clarissa, die ein Kind gebären wird in eine Welt hinein, und das wäre dann die mitreißende und positive Perspektive des Romans, in eine Welt, die trotz der apokalyptischen Züge, die der Roman natürlich herausarbeiten muß, Hoffnung darauf gibt, daß die Zukunft kein leeres Wort ist. Dieser Roman, so denken wir, während unser Blick die Fuchsien streichelt, wird allen Menschen schlagartig klarmachen, daß nur noch die Öko-Perestrojka uns retten kann. Und vielleicht sogar (aber jetzt lassen wir uns wirklich hinreißen von unserer Selbstüberschätzung) könnte man irgendwann eine dreiteilige Serie in der ARD... Erfüllt von Tatendrang setzen wir die Gießkanne ab und schreiten zum Schreibtisch, um das Werk unverzüglich in Angriff zu nehmen, da!!, da fällt unser Blick auf den Herbstkatalog des Verlages Droemer Knaur, auf die Ankündigung des neuen Simmel-Romans „Im Frühling singt zum letztenmal die Lerche“, und, verdammt noch mal, wir müssen zugeben, daß dieser Schriftsteller „immer etwas schneller, böser und schärfer als das öffentliche Bewußtsein“ ist, wie die FAZ schrieb und was uns Droemer Knaur fettgedruckt überbrät. Zu spät, wieder einmal zu spät!

Erschütternd

Immer wieder offen, immer wieder spannend, immer wieder neu: die deutsche Grenze. Jeder darf mal einen Vorschlag machen, wenn er nur kühn und überraschend ist. Den bislang erfrischendsten Beitrag zur deutschen Grenzfrage verdanken wir einer dynamischen Tageszeitung aus Berlin, die uns auf ihrer ersten Seite am Wochenende unter der Schlagzeile „Versorgungslage in den Großstädten der DDR verschlechtert sich dramatisch“ mit einem erschütternden Bericht über Hamsterkäufe und Regierungskrisen in Moskau überrascht hat. Das ist er, der unerschrockene jugendliche Optimismus, der jetzt gebraucht wird! Nur weiter so, liebe taz! Nach Moskau also! Nach Moskau! Deutschland komplett, jetzt oder nie.

Hat nichts davon