Lorose Keller

Von Carmen Korn

Samstag, 1. April 1989. An dem Tag ist sie klauen gegangen. Im Supermarkt. „Um den Kindern was Schnuckeliges zu essen zu machen“, sagt sie. Eine Dose Lachs. Eine Flasche Wein. Sie wurde erwischt und nach ihren Personalien gefragt. Lorose Keller. Geboren am 28. Juli 1932 in Iserlohn. Schauspielerin. Kaum Einkommen. Sie durfte nach Hause gehen. Stieg die 119 Stufen im Kölner Altbau hoch. Boheme unterm Dach mit fließend kaltem Wasser und Blick auf den Dom. Sie war traurig und hatte auch Wut im Bauch. Dann rief Federico Fellini an.

Natürlich war er es nicht selbst. Eine Assistentin wollte Lorose Keller sprechen. „Fellini wants you.“ Wann sie kommen könnte? Noch am selben Tag? Der Meister stecke mitten in den Dreharbeiten zum neuen Film. Nein, sagte Lorose Keller. Das Geld für einen Flug könne sie nicht zusammenkratzen. Doch sie kapierte allmählich, daß ihr Brief an Fellini tatsächlich angekommen war.

„Haha“, sagten die Freunde, „hast du vergessen? 1. April.“ Die Stimme am Telephon hatte „richtig realistisch“ geklungen und „sehr entfernt ausländisch“. Trotzdem. Bis Sonntag mittag wartete sie darauf, daß jemand seinen Scherz zugab. Dann stieg sie in den Zug nach Rom.

Der Film ist gedreht. Schon aufgeführt. Bös kritisiert. Bewundert. „La voce della luna“, „Die Stimme des Mondes“. Ab heute auch in den deutschen Kinos. Die Rolle der Lorose Keller ist klein und schön. Gut gespielt wie alles im Leben der Schauspielerin, die dreißig Jahre im Beruf ist und sich davon zwanzig Jahre in Köln durchschlägt. Die Kölner fangen an, es immer schon gewußt zu haben. Et Lorose. „Eine Deutsche in einem Fellini-Film ist ja nicht so häufig“, sagt die endlich Verehrte und hofft mit 57 Jahren auf den großen Durchbruch.

Als sie dann am Drehort angekommen war, nach all den angstvollen Stunden im Zug, ist sie Fellini in die Arme geflogen. „Sei felice?“ fragte er. Ja. Sie war glücklich. Die italienischen Worte strömten heraus, die sie als Mädchen beim Trampen in Italien gelernt hatte. Fellini hörte ihr zu und entschied dann doch, mit ihr in englischer Sprache zu arbeiten. Keine Hürde. Schließlich hatte sie in dieser Sprache mal ihr Dolmetscher-Examen gemacht. All ihre Talente wollte sie dem großen Regisseur zu Füßen legen. Es sind viele. „Woher hast du das schöne Gesicht?“ fragte Fellini. Und Lorose Keller gab die Antwort: „Das hat das Leben gemacht.“