Ein Gesunder saß elf Jahre lang in der Psychiatrie Klaus-Peter Löser geht jetzt vor Gericht
Immer Psychopharmaka — und kein Klinikarzt kümmerte sich / Von Ingeborg Cernaj
Klaus Peter Löser, heute 37 Jahre alt, war elf Jahre seines Lebens, von 1972 bis 1983, zwangseingewiesen in geschlossene psychiatrische Anstalten. Wie sich jetzt herausstellt: zu Unrecht.
Er wurde als unerwünschtes Kind geboren. Seine Mutter, damals gerade sechzehnjährig, war ihrer Aufgabe nicht gewachsen. Als der Junge in die Pubertät kam, nahmen die Probleme überhand. Die Mutter wollte heiraten, der neue Mann lehnte den Jungen ab, schlug ihn. Als Klaus Peter einmal zurückschlug, war sein Schicksal beschlossen: Mutter und Stiefvater versuchten, den Störenfried außer Haus unterzubringen.
1965 wurde der Dreizehnjährige einem Psychiater vorgestellt. Der. Junge sei schwachsinnig, behauptete seine Mutter, er habe einen bleibenden Hirnschaden davongetragen, als er mit anderthalb Jahren an Lungentuberkulose erkrankt gewesen Damit nahm der Irrweg des jungen Klaus Peter seinen Anfang. Zunächst wurde er in Hephata einer Einrichtung für Heilerziehung und Pflege untergebracht; von dort aus - bereits volljährig in die geschlossene Abteilung des Marburger Psychiatrischen Krankenhauses überwiesen, weil er mehrmals versucht hatte, aus der Abteilung auszubrechen und herumzustreunen.
Heute ist nicht mehr nachzuvollziehen, wie es geschehen konnte, daß Klaus Peter gleich zu Beginn seiner Stationierung im Psychiatrischen Krankenhaus massiv Neuroleptika verordnet wurden - sedierende Medikamente, die bei akuten Fällen von Schizophrenie indiziert sind und um deren schwerwiegende Nebenwirkungen bei längerer Einnahme man weiß. Neuroleptika sind bei Schwachsinn nicht angezeigt. Außerdem wurde bei der Erstuntersuchung in Marburg bei KlausPeter ein Intelligenzquotient festgestellt, der der Einweisungsdiagnose „Postencephalitischer Hirnschaden durch TBC Erreger" klar widersprach. Unverständlich ist, wieso die behandelnden Ärzte niemals die Krankenakten aus den Jahren 195455 angefordert hatten. In diesen wird bestätigt, daß Klaus Peter im Alter von drei Jahren nach stationärer Behandlung einer Lungentuberkulose mit Begleitmeningitis physisch und psychisch völlig gesund entlassen wurde. Die Diagnose, die zur Einweisung in die psychiatrische Anstalt geführt hatte, stützte sich lediglich auf die Aussage der Mutter und wurde von keinem Arzt nachgeprüft.
Dem jungen Löser wurden Medikamente in hohen Dosen verabreicht. Im Jahre 1977 - so ist es in den Akten des Geschädigten dokumentiert erhielt er die zwanzig- bis dreißigfache Menge der vom Hersteller empfohlenen Dosis. In der Folge nahm der junge Mann zu, er wog über hundert Kilogramm, wodurch er einen Senkfuß bekam und Schmerzen beim Gehen. Sein Blutbild veränderte sich. Er litt an Bluthochdruck, seine Pupillen verloren die Fähigkeit, sich den Lichtverhältnissen anzupassen, so daß Löser kaum mehr sah. Eine Leberentzündung, Magenschmerzen und Erbrechen kamen hinzu.
Löser wurde wegen dieser Erscheinungen zu anderen Fachärzten in Behandlung eingewiesen: Es wurden ihm Eisenpräparate verordnet, eine Brille, orthopädische Korkledereinlagen. Die Empfehlung der jeweiligen Fachärzte, die Neuroleptika abzusetzen, da sie die erkennbare Ursache der Störungen seien, wurde jedoch nicht befolgt. Am Rande der Krankenblätter aus dieser Zeit findet sich eine handschriftliche Notiz des Leiters des Marburger Psychiatrischen Krankenhauses: „Aus prinzipiellen Gründen nicht möglich " Der junge Mann wurde aggressiv, bekam Halluzinationen. Die Reaktion der Ärzte: Die Dosis der Neuroleptika wurde erhöht.
Ein Marburger Psychologie Student, Rodericli Eifert, betreute damals zusammen mit seinen Freunden einige Patienten des Psychiatrischen Krankenhauses. Heute ergänzt er die Schilderungen von Klaus Peter Löser über die Zustände in der Abteilung, in der Löser festgehalten wurde: Die Patienten hätten ihre Betten dicht an dicht gereiht gehabt, der Zwischenraum sei nur so groß gewesen, daß ein kleiner Nachttisch Platz gefunden habe. Zusätzlich habe jeder Patient ein kleines Fach im gemeinsamen Schrank sein eigen genannt. Dies sei die gesamte private Welt eines jeden der siebzig bis achtzig Patienten gewesen, und das oit auf Jahre. Die Tür sei geschlossen gewesen, die Patienten hätten nicht einmal auf den Flur gedurft, geschweige denn in den Garten des Krankenhauses. Wenn es einmal einem Patienten gelungen sei, auf den Flur „auszureißen", sei er von mehreren Pflegern grob gepackt und in das Krankenzimmer zurückgeworfen worden, „wie ein Sack", betont Eifert.
- Datum 08.06.1990 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 8.6.1990 Nr. 24
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