Ach, wie gerne würde ich einen Aufsatz über Deutschland schreiben! Jetzt, da alle über Deutschland schreiben – Essays! –, da möchte auch ich dabeisein. So richtig mit Identität, und was uns Deutsche Woher wir kommen und wohin wir gehen und ein bißchen an der Wunde Deutschland lecken, wie an einem großen Schokoladen-Eis, und sich Gedanken machen, welche Hauptstadt wir jetzt brauchen und so weiter...

Ja, so ein kleines Buch bei Siedler, oder auch was Dickeres bei Econ oder Rowohlt – das wäre gar nicht schlecht. Wie warben doch die Reinbeker für „Die Deutschen in ihrem Jahrhundert“ des Grafen Krockow? „Die Deutschen haben sich auserwählt, unvergeßlich zu werden, indem sie der Erfahrung des Menschseins etwas hinzufügten, was neu war oder so alt, daß niemand es kannte.“ Dazu könnte man selber auch manches sagen, denn es ist ja nicht so, als hätte man da nichts, als stünde man gedankenmäßig und gefühlsartig sozusagen völlig nackig da.

Ich zum Beispiel liebe an Deutschland über alles den Begriff: abklingende Schauertatigkeit. Diese Wendung ist einzigartig, zutiefst unübersetzbar und drückt etwas aus, was der bekannte Publizist und Herbert-Hupka-Essay-Preisträger des Jahres 1990, Karl Heinz Bohrer, erst kürzlich noch mit dem Wort von der „Völkeridentität“ so trefflich umschrieben hat. Menschen anderer Nationalität können gar nicht nachvollziehen, was abklingende Schauertatigkeit einem deutschen Ohr, Hirn und Herz bedeutet. Sie würden es mit „es hört auf zu regnen“ übersetzen. Oder einfach sagen: „Das Wetter wird besser.“ Oder so was. Denn sie wissen nicht, können nicht wissen, daß der ganze Zauber deutscher Kultur, deutscher Geschichte, deutschen Soseins in dieser schlichten Wortfolge aufscheint.

Schon abklingend verweist auf das wahrhaft Musikalische der Nationalnatur, auf die strenge Liebe unserer Menschen zur Notenkunst, zum Sang, zum klingenden Spiel. Unwillkürlich denkt man an Bach, den großen Bach, an Beethoven, auch an Schütz und an Burgmüller, jenen am 7. Mai 1835 in Burtscheid bei Aachen während eines Wannenbades einem epileptischen Anfall viel zu früh erlegenen rheinischen Schubert, dessen ahnungsschwere, von Robert Schumann vollendete 2. Sinfonie in D-dur übrigens seit kurzem in einer vorzüglichen Einspielung mit Georg Schmöhe und dem Radio-Symphonie-Orchester Berlin vorliegt.

Dann natürlich Schauer. Also nicht: Regen, ein im Grunde dem, Deutschen völlig fremdes Wort. Schauer – da rauschen leis die Walder, die Ähren wogen sacht, da geht Luft durch die Felder, und sternklar ist die Nacht. Da spannt die Seele weit ihre Flügel aus und fliegt durch stille Lande, ja, als flöge sie nach Haus. Erinnerungen an Joseph von Eichendorff werden wach, den großen Dichter der Deutschen, dessen Gedicht „Mondnacht“, was viele Ausländer eben nicht wissen, Robert Schumann so wundervoll vertont hat.

Und schließlich Tätigkeit. Es ist eine Dreistigkeit, immer wieder zu behaupten, der Deutsche sei nur fleißig oder arbeitsam – von „Schaffe, raffe, Häusle baue“ und dergleichen folkloristischem Mummenschanz ganz zu schweigen. Nein: Der Deutsche ist tätig. Der deutsche Unternehmer zum Beispiel, das belegen auch immer wieder Gespräche mit Spitzenvertretern der deutschen Wirtschaft, macht keine häßlichen Sachen wie Gewinn oder gar Profit, sondern er trägt Verantwortung für das Ganze, er ist umsichtig tätig im Sinne der Gemeinschaft. Schon deshalb ist das Wort Tätigkeit identitätsmäßig absolut zentral, wirklich unverzichtbar.

Und eben dies, dies alles: Wannenbäder und wogende Ähren und verantwortliche Unternehmer – das alles scheint in uns auf, wenn wir abklingende Schauertatigkeit hören. Da mag der Dichter fragen: Deutschland – aber wo liegt es? In diesem Augenblick wissen wir es: Und es schmerzt, tief drinnen, in Ohr und Hirn und Herz.

Benedikt Erenz