Wyndham Lewis’ Roman „Tarr“

Von Michael Rutschky

Als vor zwei Jahren der kleine Boettcher-Verlag in Düsseldorf Wyndham Lewis’ Roman „Rache für Liebe“ (1937 zum ersten Mal erschienen) herausbrachte, rauschte es im Blätterwald, wie man so sagt. Kein Kritiker ließ sich die Gelegenheit entgehen, Lewis ausgiebig vorzustellen (in dieser Zeitung hat es Peter Hamm besorgt): einen wilden Mann, 1882 geboren, 1957 gestorben, mit Ezra Pound und T.S. Eliot und James Joyce befreundet beziehungsweise bekannt, nicht nur Schriftsteller, sondern auch Maler; dazu Schwerpolemiker gegen Gott und die Welt; zeitweise von Adolf Hitler angezogen, überhaupt zu heftigen Mißgriffen neigend – grundsatzlich dadurch charakterisiert, daß er zur Welt, insbesondere zum literarischen Establishment seiner Zeit, aber auch zu den Generationsgenossen, ein Verhältnis der Feindschaft einging, das, wie man weiß, weit inniger und intensiver bindet als Liebe oder Sympathie. Jetzt bringt Suhrkamp „Tarr“ heraus, Wyndham Lewis’ allerersten Roman, 1918 erschienen, 1928 vom Autor revidiert; Wolfgang Held hat seine Übersetzung inspiriert und sehr sorgfältig gearbeitet und dem Buch ein instruktives Nachwort mitgegeben, das die biographischen und literarischen Bezüge dieses seltsamen Künstlerromans skizziert.

Tarr ist der Name eines englischen Malers – Frederick Sorben Tarr –, der in einem imaginären Paris das Leben der Boheme teilt, Kunstgespräche mit Kollegen namens Hobson, Lowndes, Butcher führt, insbesondere aber seiner Liebschaft mit einer Deutschen nachgeht, sie heißt Bertha Lunken, sie „war ein plumpes blondes westfälisches Baby gewesen: ihr unverhemmter Athletenkörper war jetzt ganz auf Mutterschaft eingestellt. Noch so ein Baby konnte nicht lange auf sich warten lassen. Einen Mann nur anzuschauen würde dazu fast schon genügen.“ Am Ende bekommt sie es tatsächlich, und Tarr wird sie geheiratet haben, woraufhin sie sich spater von ihm scheiden läßt –: ist vielleicht nicht so wichtig.

Parallel, auch im Kontrast zu derjenigen Tarrs, wird die Geschichte des deutschen Künstlers Otto Adolf Kreisler erzählt, dem von seinem Vater das Geld entzogen wird; der sich in eine schöne Russin, die natürlich Anastasya heißen muß, verliebt, jedoch nichts mit dieser Verliebtheit anfangen kann. Als Bertha Lunken, Tarrs Liebschaft, ihm Modell steht, vergewaltigt er sie; dafür (?) begnnt Tarr ein Verhältnis mit Anastasya, das bis in seine Ehe hineinreicht. Kreisler erhängt sich, nachdem er einen jungen Polen, Louis Soltyk, erschossen hat, eigentlich wollte er sich mit ihm duellieren, dann wieder nicht, in der Prügelei zwischen Kombattanten und Sekundanten löst sich der Schuß. Dabei hatte Kreisler auf den Zweikampf verzichten wollen, wenn sein Gegner ihn küsse! „Kreisler stülpte amourös den Mund vor, den Leib in der Pose eines Rokokokavaliers, die rechte Zehenspitze vorgesetzt, als wäre Soltyk eine Frau.“

Man sieht, die Nacherzählung gibt nicht viel her. Auch eine nietzscheanische Interpretation – der vitale Tarr trägt sexuell wie artistisch den Sieg über den dekadenten Kreisler davon oder so ähnlich – eine Interpretation, die Wyndham Lewis wohl angesteuert hat, leuchtet mir nicht ein. Deutlicher wird, worum es in dem Buch geht, wenn man Lewis als Maler betrachtet.

Er hat sich, wenn ich richtig verstanden habe, von den Erfindungen und Entdeckungen belehren lassen, die die Kubisten gemacht haben, ihrerseits belehrt durch die Malerei Paul Cézannes: Das Bild soll nicht aus illusionären Elementen, vorgespiegelten Räumlichkeit, aufgebaut werden, sondern aus Flächen, die seiner eigenen Seinsweise als Fläche entsprechen; die Kunstproduktion besteht im sorgfältigen Austarieren dieser Elemente, die untereinander vielfältige Verhältnisse, harmonische wie feindselige, eingehen, auf der gegebenen Fläche. Dafür existiert keine Regel, die sich aus dem Sujet, der Realität, dem Referenten ergäbe; alles muß sich hier und jetzt ereignen.