Gesundheit“, sagt Manuel Carballo, verantwortlich für Gesellschaftsstudien in der Aids-Sektion der Weltgesundheitsorganisation WHO, „war schon immer eine abgeleitete Funktion von sozialem Status und geographischer Lage.“ Nirgends gilt dies mehr als in den ressourcenschwachen, von einer Aids-Epidemie heimgesuchten Subsaharaländern.

In Rwandas Hauptstadt Kigali ist jeder dritte Einwohner infiziert, im Grenzgebiet zwischen Tansania und Uganda kommen auf 100 Bewohner 33 Infizierte. Die Hälfte aller 1988 in ein Krankenhaus in Kinshasa/Zaire eingelieferten Patienten und fünfzehn bis zwanzig Prozent aller männlichen Patienten in Abidjan/Elfenbeinküste waren aidskrank. Vor allem für die Frauen des Schwarzen Kontinents birgt nicht „Risikoverhalten“ die tödliche Gefahr in sich, sondern der natürlichste Akt von der Welt: der Zeugungsakt.

Allein in den Jahren 1980 bis 1987 wurden nach Schätzungen der WHO in den Subsaharaländern 80 000 HIV-positive Kinder geboren. In zwei Jahren, so prognostizieren die Epidemiologen, wird eine halbe Million afrikanischer Kinder infiziert sein.

Die Gründe für die verheerenden Auswirkungen in Zentralafrika sind für den Kontinent symptomatisch: Die hygienische und medizinische Grundversorgung ist mehr als mangelhaft. Unruhen und Kriege haben, wie im Fall Ugandas, die gesamte medizinische Infrastruktur zusammenbrechen lassen. Die Industrialisierung zerstört die traditionellen sozialen Strukturen. Angesichts der rasanten Urbanisation, die die betroffenen Länder durchmachen, sei die hohe Rate von Geschlechtskrankheiten nichts Außergewöhnliches; auch die Industriestaaten hätten zum Beginn der Verstädterung ähnliches durchgemacht, begegnet das Panos-Institut – eine unabhängige internationale Organisation, die sich mit weltweiten Entwicklungsfragen beschäftigt – in seinem zusammen mit dem Norwegischen Roten Kreuz herausgegebenen Buch „Blaming Others“ der Mär von der besonderen afrikanischen Promiskuität.

Tripper, Syphilis und Genitalgeschwüre treten mit einer in der Welt wohl einzigartigen Häufigkeit auf. Die dadurch verursachten Entzündungen öffnen dem Virus die Pforten – ein weiterer wesentlicher Grund für die schnelle Verbreitung von Aids.

Die armen Länder des Schwarzen Kontinents können der Krankheit aus eigener Kraft nicht mehr Herr werden. In Tansania beispielsweise beläuft sich das jährliche Gesundheitsbudget heute auf einen einzigen Dollar pro Einwohner. 1973 standen immerhin noch pro Jahr und Kopf drei Dollar zur Verfügung. Die Kosten für einen einfachen Aids-Test verschlingen damit bereits die Gelder, die für die gesamte medizinische Versorgung des einzelnen jährlich aufgebracht werden können.

Schon die Pflegekosten für zehn Aids-Patienten in Europa würden das Budget eines zentralafrikanischen Krankenhauses sprengen. „Im Grunde wird überhaupt nicht behandelt“, berichtet Martin Foreman, Direktor der Aids-Abteilung des Panos-Instituts.