Radio und Fernsehen der DDR sollen ihre Eigenständigkeit aufgeben

Von Marie-Luise Hauch-Fleck

Stellen wir uns vor: Die DDR hat ihren Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland erklärt, die ersten gesamtdeutschen Wahlen sind vorbei, wir sitzen wie jeden Abend entspannt vor dem Bildschirm – und plötzlich gibt es kein Zweites Deutsches Fernsehen (ZDF) mehr. Keine Heute-Nachrichten um 19 Uhr, kein Sportstudio am Samstag, die Mainzelmännchen auf Nimmerwiedersehen in den Filmarchiven verschwunden. Statt dessen flimmert das Erste Programm des Deutschen Fernsehfunks (DFF) über die Mattscheibe, und nicht nur Sprecher und Moderatoren sind uns erschreckend fremd.

Keine Angst: Die friedliche Revolution wird bundesdeutsche Fernsehgewohnheiten künftig nicht erschüttern. Dafür sorgen Politiker und Medienverantwortliche schon jetzt vor. Zwar gibt es in der DDR noch keine Länder, die nach dem Grundgesetz in der Medienpolitik alleine das Sagen haben. Längst aber steht fest, daß ARD und ZDF im neuen Deutschland die beiden einzigen öffentlich-rechtlichen Sender sein werden, die nationenweit ausstrahlen dürfen.

In der westdeutschen Hörfunk- und Fernsehszene bleibt denn auch bis auf einige kleine Korrekturen alles beim alten. Entscheidendes verändert sich nur in der DDR. Die soll, darüber sind sich alle großen Bonner Parteien einig, das bundesdeutsche System übernehmen – privates Fernsehen und Hörfunk inbegriffen.

Für die DDR-Medienlandschaft bedeutet dies eine grundlegende Umstrukturierung. Bisher gibt es dort zwei Fernseh- und fünf Hörfunkprogramme, die zentral von Berlin aus für das gesamte Gebiet ausgestrahlt werden. Bis zum Sturz des SED-Regimes waren sie direkt der Regierung unterstellt – mit entsprechenden Folgen. Wer sich bei einem Sender bewarb, wurde akribisch durchleuchtet, politisch unzuverlässige Kandidaten hatten keine Chance. Zensur war üblich, Nachrichten wurden nur als Hofberichterstattung geduldet und von kaum einem DDR-Bürger – SED-Kader eingeschlossen – überhaupt noch gehört oder gesehen. Allabendlich durchbrach die DDR-Bevölkerung per Knopfdruck die Mauer und schaltete ARD oder ZDF ein. Die westdeutschen Sender sind nämlich seit langem fast überall in der DDR zu sehen. Selbst die beiden Privatsender Sat 1 und RTLplus können heute bereits von vierzig beziehungsweise knapp zwanzig Prozent der Haushalte im anderen Teil Deutschlands empfangen werden.

Doch seit dem Mauersturz ist die Sympathie für die eigenen Medien bei den Ostdeutschen rapide gestiegen. Am Abend der Volkskammerwahl informierten sich beispielsweise vierzig Prozent der DDR-Haushalte im landeseigenen Programm über das politische Großereignis – trotz der massiven Konkurrenz von ARD und ZDF. Und nach einer kürzlich veröffentlichten Umfrage wollen inzwischen sogar 88,1 Prozent ihre solange ungeliebten Programme in Zukunft nicht missen.