Von Elisabeth Wehrmann

Seitdem der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten vor zehn Monaten die einzelnen Bundesstaaten ermutigte, die Gesetzgebung in der Abtreibungsfrage selbst zu regeln, hat es kaum ein Thema gegeben, das Politiker, Richter, Klerus, die Medien und die rivalisierenden Interessengruppen von Pro Choice und Pro Life mehr beschäftigt hätte. Vom Atlantik bis zum Pazifik läuft inzwischen das, was die New York Times das „Standard-Abtreibungstheater“ nannte. Zur Zeit sind die Abtreibungsgegner wieder im Vormarsch. Sie verfügen über reisende Protestgruppen, inszenieren Kreuzzüge gegen Familienplanungszentren, verschüchtern und bedrohen Frauen, die Hilfe suchen, und beschimpfen Gesundheitszentren für Frauen als lesbische Hexenkessel. „Streiter für das Leben“ ließen sich vor kurzem in Vermont reihenweise nach einer Klinikblockade verhaften und traten vor Gericht als „Baby Jane“ und „Baby John“ auf. Bombendrohungen sind üblich. Hotelmanager in Kalifornien, die Konferenzräume an Pro-Choice-Gruppen vermieten, müssen neuerdings mit anonymen Anrufen rechnen, die sie darüber aufklären, daß ihnen der Boykott drohe, wenn sie zuließen, daß in ihrem Hause der Kindermord vorbereitet würde.

Als die Pro-Life-Organisationen am 29. April eine Massenkundgebung in Washington organisierten, kamen mehr als 200 000 Anhänger aus dem ganzen Land, um Stärke und Überlegenheit gegenüber den Pro-Choice-Gruppen zu demonstrieren. Vizepräsident Quayle nannte die geltende Abtreibungsregelung wieder einmal eine nationale Tragödie und fragte die Menge, die sich mit christlicher Rockmusik und patriotischen Liedern ermunterte: „Wird das amerikanische Volk es weiterhin zulassen, daß ungeborene Kinder weggeworfen werden?“ Das Nein kam aus 200 000 Kehlen.

Doch weder Bush noch Quayle forderten eine zusätzliche Verfassungsklausel zum „Schutze des ungeborenen Lebens“, wie es früher bei solchen Gelegenheiten üblich war, und sie appellierten auch nicht an den Obersten Gerichtshof, die seit 1973 bestehende Regelung grundsätzlich zu revidieren.

Nachdem die republikanische Partei aufgrund ihrer strikten Ablehnung der Abtreibung im letzten Herbst einige Wahlniederlagen einstecken mußte, hat sie jetzt eine kommodere Haltung gefunden. „Es gibt viele Wohnungen in unserem Hause“ heißt das Motto bei den anstehenden Gouverneurswahlen. Zur Zeit gibt es im ganzen Land ein halbes Dutzend Republikaner, die für die freie Entscheidung der Frauen eintreten und gegen staatliche Restriktionen plädieren – dagegen aber auch ein halbes Dutzend Demokraten, die weitere Einschränkungen durchsetzen wollen.

Im Staate Pennsylvania, der im letzten Jahr fast alle Schwangerschaftsunterbrechungen nach der 24. Woche verboten hat und außerdem Ärzten die Auflage macht, die Frauen über die Entwicklung des Fötus zu informieren, und danach eine 24stündige Warteperiode verordnet, ist Abtreibung das Thema Nummer eins im Wahlkampf, die Fronten von Pro und Contra gehen quer durch beide Parteien.

Seit Juli 1989 werden in vierzig Staaten der USA neue Gesetzentwürfe verhandelt. In fünf Staaten sind unterschiedliche Restriktionen gesetzlich festgelegt worden, die von einem grundsätzlichen Verbot (außer bei Lebensgefahr für die Mutter) und Strafandrohung im Falle einer illegalen Abtreibung auf der Insel Guam bis zur Bedingung, daß Teenager entweder von beiden Eltern oder von einem neutralen Richter Zustimmung zu der gesuchten Schwangerschaftsunterbrechung vorlegen müssen, in Ohio und Minnesota rangieren.