Lech Walesa als Populist – spaltet sich die Gewerkschaftsbewegung?

Von Helga Hirsch

Warschau, im Juni

Ein Mythos, hat sich überlebt, doch seine Träger wollen ihn nicht begraben. Als Massenbewegung gegen den Totalitarismus hat Solidarnosc ihre vereinigende Kraft verloren, doch vor dem Schritt der ideologischen und organisatorischen Aufspaltung schreckt ein großer Teil ihrer politischen Führer noch zurück. Die Polen liebten die Zwietracht nicht, sagte erst unlängst Bronislaw Geremek, der Vorsitzende der Solidarnosc-Parlamentsfraktion. Doch die Einheit ist längst fiktiv, mehr lähmend als hilfreich, die Kräfte im innerorganisatorischen Streit verzehrend. Was wird nun aus Solidarnosc, dieser siegreichen Bewegung, die den Fall des Kommunismus in Osteuropa einleitete? Wohin führt der Weg sie auf dem Höhepunkt der Macht?

Heute stellt Solidarnosc die Regierung, die stärkste Parlamentsfraktion, die erfolgreichste Gruppierung bei den Kommunalwahlen und eine immer noch starke Gewerkschaft. Aber von gelassener Souveränität ist nichts zu spüren. Der Führer der Solidarnosc-Gewerkschaft erklärt „seiner“ Regierung den „Krieg“; die Solidarnosc-Bürgerkomitees, die die Parlaments- und Kommunalwahlen organisierten, glaubt er vor dem Einfluß ihrer eigenen Parlamentsfraktion in Schutz nehmen zu müssen, und altverdiente Oppositionelle, die ihm nicht mehr genehm sind, sucht er aus dem Solidarnosc-Lager zu verdrängen: Walesa gegen den Premierminister Tadeusz Mazowiecki, Walesa gegen den Fraktionsvorsitzenden Bronislaw Geremek, Walesa gegen den Chefredakteur Adam Michnik.

Die Front müsse bereinigt werden, behauptet Walesa. Anfang Juni setzte er den Sekretär der Bürgerkomitees ab, und als er aus juristischen Gründen zu seinem Bedauern nicht genauso mit Adam Michnik verfahren konnte, machte er ihm das Solidarnosc-Emblem im Kopf der Tageszeitung Gazeta Wyborcza streitig. Als Chef einer privaten Zeitung stehe ihm das Gütesiegel nicht mehr zu, entschied Walesa. „Peronismus“, hatte Michnik schon früher bei derartigen Vorgehen gekontert, das Solidarnosc-Zeichen sei weder Walesas Privateigentum noch ein Erpressungsinstrument. Die politische Auseinandersetzung in der Solidarnosc schrumpft mehr und mehr zu einem Familienkrach zwischen den Mitkämpfern von einst zusammen. „Adam“, begann Walesa seinen „Entlassungs“ brief an Michnik, „unter uns Freunden wird es nicht schwierig sein, gemeinsam die Probleme zu lösen, die um deine Zeitung entstanden sind.“ – „Ich glaube“, fügte Michnik seiner Antwort als Nachsatz hinzu, „es wäre gut, wenn Lech die Redaktion der Gazeta Wyborcza besuchte und mit dem Team reden würde. Wir laden dich, Lech, zu einem freundschaftlichen Gespräch ein.“

Wenn politische Differenzen persönliche Freundschaften entzweien, mag es besonders schmerzlich sein. Aber in alten polnischen Oppositionskreisen wirkt der Mechanismus umgekehrt: Hier verhindern Loyalitätsgefühle die öffentliche Auseinandersetzung. Das Verhalten folgt weiterhin dem Muster aus der Zeit des illegalen Widerstands, als Politik und Privatleben, politische und persönliche Zuverlässigkeit derart ineinander verwoben waren, daß schwer öffentliche Kritik üben konnte, wer nicht aus dem Freundeskreis ausgeschlossen werden wollte. Wer umgekehrt die persönliche Loyalität brach, rückte in die Nähe des politischen Gegners. Was dadurch in der Öffentlichkeit nicht ausgefochten werden konnte – nicht weil Zensur, sondern weil die eigene Moral es verhinderte –, wurde in den aus allen kommunistischen Ländern bekannten nächtelangen Debatten in den Küchen beredet. Dadurch wußte doch fast jeder, der sich dafür interessierte, Bescheid. Heute hat die neue Freiheit die Küchendebatten überflüssig gemacht – dafür kennen sich nur noch die „wirklich“ Eingeweihten aus. Denn ein freier Informationsfluß will erst noch geschaffen sein.