Von Christoph Bertram

Überall wird schon von Durchbruch gemunkelt. Die Sowjetunion, heißt es in Washington wie in Bonn, werde bald all ihre kräftigen njets vergessen, die sie bisher der Einbeziehung des vereinten Deutschlands in das westliche Bündnis entgegengestellt hat. Dann stünde der deutschen Einigung nichts mehr im Wege.

In der Tat: Ost und West basteln zur Zeit emsig an einer Brücke aus Worten, um die Kluft zwischen ihren Vorstellungen von der Bündnisfrage zu überwinden. Niemand besorgt das unermüdlicher als Außenminister Genscher, der sich gerade in Brest, dem Ort des sowjetisch-deutschen Friedensschlusses von 1918, mit seinem sowjetischen Amtskollegen beraten hat. Die bisherigen Ergebnisse des diplomatischen Brückenbaus lassen hoffen.

  • Die Mitgliedstaaten des Warschauer Paktes beschlossen in der vergangenen Woche in Moskau, ihre Allianz noch in diesem Jahr auf ein Abkommen „souveräner, gleichberechtigter Staaten, das auf demokratischen Prinzipien beruht“, umzustellen;
  • die Außenminister des Nordatlantikpaktes planen eine gründliche Durchforstung der Bündnisstrategie und „strecken der Sowjetunion und allen anderen europäischen Staaten die Hand der Freundschaft und Zusammenarbeit entgegen“;
  • vor Ende des Jahres noch sollen der lockeren Staatenkonferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) erste institutionelle Streben eingezogen werden. Schon bewerben sich mehrere Hauptstädte eifrig darum, das neue KSZE-Sekretariat oder das geplante Krisen- und Verifikationszentrum zu beherbergen.

Aber wird die Brücke aus Worten so stabil sein, daß die Kremlführer über sie auf den schweren Weg zu einer einverständlichen Regelung der deutschen Frage zu treten wagen? Zweifel sind leider angebracht, denn Michail Gorbatschow und seine Mannschaft haben die deutsche Vereinigung zur wichtigsten Sicherheits- und Prestigefrage für ihr Land gemacht. Damit haben sie sich in eine Ecke manövriert, aus der sie nur unter großen innenpolitischen Risiken wieder herausfinden können.

Einst war Gorbatschow angetreten, die Sowjetunion aus Isolierung und Rückständigkeit in die internationale Verflechtung zu führen. Deshalb formulierte er den Begriff der Sicherheit radikal um. Er wollte von der Konfrontation zur Zusammenarbeit, vom Gleichgewichtsfetischismus zum neuen Denken der Gemeinsamkeit zwischen Ost und West vorstoßen. Deshalb auch begriff er die Umwälzungen in Osteuropa nicht als Rückschlag für die sowjetische Sicherheit, sondern als unabwendbaren Modernisierungsprozeß.

Seitdem jedoch die Vereinigung der beiden deutschen Staaten ansteht, scheut Gorbatschow zurück. Er warnt vor der deutschen Gefahr. Er fordert Kompensation für die Einbußen im Kräftegleichgewicht, die die Sowjetunion durch die Einheit erleide. Da er die Auflösung der östlichen Militärorganisation nicht mehr verhindern kann, wünscht er nun die militärische Entkernung auch der Nato. Und er verweist – ebenso wie sein Außenminister den deutschen Kollegen in Brest – auf die unzähligen sowjetischen Toten, Verwundeten und Verkrüppelten, die der Angriffskrieg Hitlerdeutschlands verursacht hat.