Von Hansjakob Stehle

Nicht jedes „Wunder“ ist, wie der Dichter meinte, „des Glaubens liebstes Kind“. Auch weil Glaube und Aberglaube – zuweilen schwer unterscheidbar – so alt wie die Menschheit sind. Wen wundert es da, daß in einer Zeit, in der Esoterisches, Magisches und Okkultes als Reaktion auf religiöse Ernüchterung modisch blüht, dergleichen auch am Rande der römischkatholischen Kirche wuchert? Der merkwürdigste und in mancher Weise rührend-groteske Ausdruck davon ist eine Sekte, die von der Amtskirche nur deshalb noch nicht als solche betrachtet (verurteilt oder ökumenisch umarmt) wird, weil ihre Spezialität – kultische Pflege überirdischer Wesen, guter und böser – „an sich“ der katholischen Theologie und Praxis nicht fremd ist. Daher hat ein kaholischer Journalist der Sache mit erstaunlichem Aufwand an Recherchen ein ebenso gründliches wie kritisches Buch gewidmet.

Was er zutage fördert, wäre zum großen Teil nur Stoff für Psychologen und – Satiriker, wenn dieses „Opus Angelorum“ nicht über eine scheinbar seriöse Massenbasis unter Gläubigen verfügte; es soll weltweit eine Million Mitglieder, darunter fünfzig Bischöfe, zählen. Gestützt auf „Privatoffenbarungen“ seiner Begründerin Gabriele Bitterlich, einer 1978 verstorbenen Hausfrau und Mutter (die 80 000 Seiten Schriftliches hinterließ!), wird die seltsame Bruderschaft von ihrem Zentrum auf der Burg Petersberg in Tirol dirigiert; sie versetzt Bischöfe in Verlegenheit, weil ihre Manager es nicht nur verstehen, fromme Seelen zu lenken und zur Kasse zu bitten, sondern dazu Mittel einsetzen, die seit der Epoche der Hexenprozesse in Verruf geraten waren: Während der „Strahlkraft“ von Engeln nicht nur „Gewalt über Frösche, Schlangen und Gold“, sondern sogar auf Zeugung von Kindern zugeschrieben wird, sind „empfänglich für dämonische Strahlungen die meisten grauen, gefleckten und schwarzen Katzen“, auch Schweine, glatthaarige Hunde, Schmeißfliegen und Ratten, nicht aber – wen wundert’s? – Schafe und Esel. Anfällig für Dämonen sind „Hebammen, Bauersfrauen, Zigeuner und alte rachsüchtige Bauern“; von den 243 namentlich bekannten Dämonen gibt es speziell zuständige für „jüdischen Handel“, „rote Arbeiter“ und – Journalisten. Auch deren Dämon „funkt auf der Wellenlänge seiner Zahl und hat ein Zeichen“ – so ist es im lange geheimgehaltenen Handbuch des Engelwerks nachzulesen, das der Münchener Weihbischof Graf von Soden-Fraunhofen 1987 zum erstenmal empört bekannt machte.

Seitdem gab es kirchliche Warnungen und Teilverbote – zuletzt von den österreichischen Oberhirten; aber die sonst so gestrengen römischen Glaubenshüter, die 1983 milde den Finger hoben, schweigen seitdem. Aus Nachsicht oder aus der Befürchtung, mit Kanonen nach Spatzen zu schießen? Selbst Boberski, der so viel gelehrsame Mühe in sein Buch investiert hat, um das Engelwerk zu entlarven, möchte am Ende nur, daß durch dessen Lehren der katholische Engelglaube „nicht in Mißkredit geraten oder auf der Strecke bleiben sollte“. Dazu bedurfte es freilich nicht erst des Engelwerks. Längst vorher waren Kirche und Welt von manchen, wenn auch nicht von allen guten – und bösen – Geistern verlassen.

Hansjakob Stehle