Von Ernst Klee

Traunstein

Sechs Jahre alt war Brigitte, als sie im Paulusstift in Neuötting aufgenommen wurde, einer Einrichtung für geistig Behinderte. 39 Jahre blieb sie bei den Schwestern vom heiligen Paulus. Es waren 39 Jahre ohne Schulbesuch, ohne Förderung und ohne Lohn. Brigitte wurde als Arbeitskraft ausgenutzt, bis ein Sozialarbeiter von ihr hörte und sie herausholte. Sie arbeitet heute in München. Unter dem Titel „Vergessen im Heim“ berichtete die ZEIT im November 1989 (Nr. 48) über den Fall. Danach ermittelte die Staatsanwaltschaft Traunstein.

Als erste wurde Brigitte vernommen. Einem Staatsanwalt schilderte sie ihr Leben in Neuötting: Um 5.20 Uhr hat sie aufstehen müssen. Dann ging es in die Küche. Danach wurden Strümpfe gewaschen, wurde gebetet, gefrühstückt, gebetet, zu Mittag gegessen, gebetet. Nach Abendessen und letztem Gebet ging es ins Bett. Blusen, Röcke und Unterwäsche blieben in einem Schrank im Aufenthaltsraum weggesperrt. Alle vierzehn Tage war Badetag, alle vier Wochen durfte der Kopf gewaschen werden.

Taschengeld hat Brigitte anfangs wohl kaum und später nur spärlich bekommen. Die achtzigjährige und mittlerweile abgelöste Stationsschwester meinte offenbar, Brigitte kaufe sich doch nichts Gescheites, nur Karten, Briefmarken und Freßzeug, auch Kaffee. Nur 120 Mark Taschengeld standen der 46jährigen Heiminsassin zuletzt zu, doch selbst davon hat sie wenig gesehen. Es wurde unregelmäßig ausgezahlt und nie quittiert.

Die Ordensfrauen dürften sich bei diesen Unregelmäßigkeiten nichts gedacht haben, denn sie selbst bekommen überhaupt kein Taschengeld. Wenn sie einen Wunsch haben, müssen sie bis heute die Oberin bitten. Die Ordensfrauen dürften auch ein gutes Gewissen gehabt haben, daß sie die Heiminsassen animierten, vom kargen Taschengeld für kleine Negerlein in Afrika zu spenden, schließlich hat der Orden eine Mission in Südafrika. 21 Mark kostete die Taufgabe für ein „Heidenkind“. Dafür gab es dann ein Bild vom schwarzen Missionskind.

Die Staatsanwaltschaft hat die Ordensfrau befragt, die in Neuötting die Buchhaltung macht. Diese erklärte, Brigittes Taschengeld sei auf einen Gesamtbetrag von 1640 Mark „aufgelaufen“, das Geld sei inzwischen auch überwiesen worden. Der Betrag entspricht dem Taschengeld für etwas mehr als ein Jahr. Doch wo ist das andere Geld geblieben? Das Heim hat nämlich dem Kostenträger für Brigitte, dem Bezirk Oberbayern, zwischen 1968 und 1988 rund 18 000 Mark Taschengeld in Rechnung gestellt.