Von Peter Christ und Roger de Weck

ZEIT: Herr Pohl, kurz nach Ihrem Amtsantritt beteuerten Sie: „Ich bin eigentlich ein großer Optimist, obwohl gegenwärtig nur Trübsal geblasen wird.“ Sind Sie noch immer ein Optimist?

Pohl: Ja, eindeutig. Zwar erscheint mir heute einiges doch wesentlich problematischer als damals. Dennoch schätze ich die Entwicklung der Wirtschaft in der DDR optimistisch ein.

ZEIT: Vergangene Woche wurde die Zahl von 100 000 Arbeitslosen gemeldet. Bundesbankdirektor Hans Tietmeyer, der für die Bundesregierung den Staatsvertrag ausgehandelt hat, hält eine Arbeitslosenquote von zehn Prozent für unvermeidlich. Der Arbeitslosenverband der DDR erwartet für Anfang Juli bereits 600 000 Arbeitslose. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung meint, es könnten vier Millionen Arbeitslose werden. Welche Schätzungen haben Sie?

Pohl: Das sind spekulative Zahlen, deren Darstellung nicht hilfreich ist. Ich glaube, daß wir vorübergehend eine große „Umstellungsarbeitslosigkeit“ bekommen, die sich aber dank der vorgesehenen Umschulungsmaßnahmen eingrenzen läßt. Nach dieser Phase der Umstrukturierungs-Arbeitslosigkeit werden wir dann weniger als eine halbe Million Arbeitslose haben. Von der Umstellung werden in diesem Jahr etwa eine Million Arbeitnehmer betroffen sein.

ZEIT: Gibt es den „heißen Herbst“, vor dem Sie kürzlich gewarnt haben?

Pohl: Hier bin ich in der Presse etwas verkürzt zitiert worden. Das Wort vom „heißen Herbst“ möchte ich so nicht wiederholen. Im Herbst finden die Landtagswahlen statt. Allein das wird die Auseinandersetzung anheizen. Auch die Umstellungsarbeitslosigkeit wird nicht gerade zur Beruhigung der Lage beitragen. Allerdings hoffe ich, daß die Maßnahmen, die wir eingeleitet haben, im Herbst voll greifen.