Von Hans-Joachim Müller

Kunst ist, was wirkt. Wenn vom Künstler nichts anderes verordnet, nimmt man sie mehrmals täglich und am besten vor den Mahlzeiten. Marina Abramovic empfiehlt auf dem Beipackzettel zu ihrer Arbeit „Boat Emptying Stream Entering“: „Pressen Sie Stirn, Herz und Geschlecht gegen die Criscolla-Steine. Verharren Sie so lange, bis die Energie übermittelt ist.“ Haben wir getan. Waren mit Stirn, Herz und Geschlecht dabei. Preßten und preßten. Warteten geduldig. Aber nichts hat sich übermitteln wollen. Bis auf das wenig energietreibende Gefühl, von allen Seiten etwas ratlos beobachtet zu werden. Sollten wir mögliche Kontraindikationen nicht beachtet haben? Oder hat der Selbstversuch ganz einfach scheitern müssen, weil die wundertätigen Steine an der Wand mit den empfohlenen Andruckstellen unseres Leibes in keiner Weise in Ubereinstimmung zu bringen waren? Entweder paßte es oben nicht oder unten. Und so blieb statt des erhofften Energieschubs nur der Verdacht, wieder einmal die DIN-Norm nicht erfüllt zu haben.

Peter Weiermair, der die Künstlerin in seine Wiener Festwochen-Ausstellung „Von der Natur in der Kunst“ eingeladen hat, kann unsere Enttäuschung gut verstehen, weiß aber auch keinen Rat. Die Kunst ist eben unerbittlich und richtet sich nicht nach der Schwäche unseres Fleisches. Nicht die Mimesis, tröstet er im Katalog, nicht die Nachahmung der Natur, sei es, was diese Künstler interessiere, sondern die Untersuchung dessen, was als Prinzip den verschiedenen Kräften, die diese Erde bewegten, zugrunde liege.

Auch Giovanni Anselmos Steine hängen an der Wand. Aber so hoch oben, daß Körperkontakt mit ihnen ausgeschlossen scheint. Es sei denn, die Drahtseile rissen einmal, die die Granitblöcke über unseren Köpfen halten. Was aber ebenso ausgeschlossen werden muß. Handelt es sich doch um Steine, die ganz leicht geworden sind vom Erlebnis arkaner Levitationen. Um Steine, die dank ihrer „Grautöne, die gegen jenseits des Meeres hin leichter werden“, sich vom Ort, an dem sie natürlicherweise liegen, emporheben und alle Gesetze der Schwerkräfte überwinden. Oh, ihr Kleingläubigen, muß uns da der Künstler etwas tadeln. Wo immer wir uns auch befänden, gebe es doch ein Jenseits des Meeres. Einen Ort jenseits der Wände der Galerie, zu dem die Kunstwerke und der Betrachter gleichermaßen strebten.

Wo sind wir hin gestrebt, wohin geraten? Zu Urschreiern, Rebirthern oder Feuerläufern, die mutmaßlich in allen Berufs- und Altersklassen, also auch unter Künstlern aller Generationen anzutreffen sind? Wir befinden uns im schnöde versachlichten Wiener Messepalast, der all seinen Maria-Theresia-Qiarme einbüßen mußte, um nicht abzulenken von Sphinxfragen nach Art des Japaners Keiji Uematsu: „Wie hoch und was soll ich in dieser Welt noch entdecken?“ Das bewege ihn tief. Und deshalb bildet er lange Äste und Zweige in Messing nach und legt, was wie gewachsen aussieht, auf die Spitzen zweier oder dreier Kegel, daß man um das Gleichgewicht fürchtet und leiser auftritt und nicht ganz versteht, warum Uematsu unbedingt noch etwas entdecken möchte.

Was die Ausstellung entdeckt haben möchte: daß „die Natur“ ein „zentrales und immer aktueller werdendes Thema der bildenden Kunst“ sei. Was sie jedenfalls neu entdeckt hat: daß sich die Kunst dieser Jahre immer wieder neu mischen läßt und neu gemischt werden muß, weil der Ausstellungsbetrieb halt sein Thema braucht. Mal dürfen wir Gilbert & George beim „Bilderstreit“ beobachten, mal Bill Viola im internationalen Team der „Videoskulptur“. Mal wird uns Mario Merz unter dem Rubrum „Positionen heutiger Kunst“ empfohlen, mal Isamu Noguchi unter „Skulptur im 20. Jahrhundert“. Jetzt hören sie alle auf die Parole „Natur“.

„Zu einem Zeitpunkt, da wir alle zu begreifen begonnen haben“, raunt der Katalogvorspruch in Präambeldeutsch, „daß die aufgrund eines ausschließlich funktionalen (Miß-) Verständnisses ausgebeutete, zerstörte Natur zum Spiegelbild einer fatalen zivilisatorischen Entwicklung geworden ist, an deren Ende das Überleben des Menschen in Frage steht, unternimmt diese Ausstellung den Versuch, nach dem Bild der Natur in der zeitgenössischen Kunst zu fragen.“ Warum nur soll ausgerechnet die zeitgenössische Kunst ein Bild von der Natur haben, wo es doch offenbar der zeitgenössische Mensch kaum noch hat? Und warum soll die Ausstellung einen Begriff von ihrem Thema haben, wo sie es doch eigentlich nur ein bißchen festwochenernst nehmen möchte? Also gibt sich „Natur“ nirgendwo in der Ausstellung als besonders dringliches Thema zu erkennen. Beuys’ „Bergkönig“ ist eine eindrückliche Bronze, der wir seit den sechziger Jahren immer wieder gerne begegnen. William Wegmans mit Sonnenbrille, Halskettchen und Blue Jeans ausstaffierte Hunde halten wir für eine wesentliche Verbesserung der kynischen Umwelt. Hiro Satos blankes Gesäß sollte auch weiterhin nicht daran gehindert werden, sich in moosigem Untergehölz und auf trockenem Fels wohl zu fühlen. Und Arnulf Rainers „Orchideenübermalungen“ verraten wohl mehr über den verzweifelten Akt des Bildermachens, über Schönheitsängste und Schönheitssehnsüchte als über irgendein Verhältnis zur Natur.