Am vergangenen Samstag haben wir alle (Großmutter, Mutter, Vater und Kind) endlich einmal wieder richtig geweint. Dann haben wir uns alle umarmt, unsere Tränen getrocknet und gemeinsam ein Fläschchen Eierlikör geleert. Denn an diesem Samstag nachmittag sind wir uns (endlich! endlich wieder!) so richtig nähergekommen. Menschlich. Und daran ist allein der Kollege Eberhard Figgemeier vom Zweiten Deutschen Fernsehen schuld.

Kollege Figgemeier nämlich hat uns unvergeßlich darüber belehrt, wozu Schicksalsschläge gut sind: Sie bringen uns einander näher. Menschlich. Des Reporters Stimme brach, in seine Augen (stellen wir uns vor) schoß das Wasser. Stefanie Graf, das deutsche Heldenmädel, die Unbesiegbare, war besiegt worden. Katastrophe! Doch bevor sich der deutsche Familienvater entleiben konnte (oder aus Wut über die vier vergebenen Satzbälle die Oma aus dem Fenster warf), sprach Kollege F. das nathanhaft weise Wort: Diese Niederlage von Paris habe uns Steffi doch entschieden menschlich nähergebracht.

Mit diesem Wort hat uns der Reporter (und dafür wollen wir ihm danken bis ans Totenbett) eine Waffe fürs Leben geschenkt. Denn weil das Leben erstens eine ständige Katastrophe ist, bringt es uns zweitens einander ständig näher.

Das Besäufnis gestern? Ein Fiasko, aber doch irgendwie sehr menschlich. Die letzte Liebesnacht? Ein Debakel, das uns menschlich aber doch sehr verbindet. Der letzte Leitartikel dieser Zeitung (oder war es der vorletzte?) – eine Zumutung, seien wir mal ehrlich, aber zum erstenmal haben wir den Leitartikler, den Metapherngott der ZEIT, auch als Mensch vor uns gesehen. Das hat uns menschlich sehr berührt.

Und so bitten wir Dich, lieber, weinender Leser, auch diese verwirrten, tränenfeuchten Zeilen nach dem Figgemeierschen Gesetz zu bewerten, sie zu lesen, wie Lessing sagen würde, „mit den Augen der Liebe“. Bisher hat man den Autor dieser Kolumne verehrt, gefürchtet, gehaßt – die Präzision seines verbalen Aufschlags, die raubtierhafte Geschmeidigkeit seines Stils, seine todliche Pointenvorhand.

Diesmal hat er sein Spiel verloren, und vor uns steht: ein Mensch! Das allein ist 3,80 Westmark wert. Unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen schließen wir die Zeitung. Finis