Wenn der Hauskrach in der SPD über den deutsch-deutschen Staatsvertrag, wie Hans-Jochen Vogel gesagt hatte, ein Sturm im Wasserglas gewesen sein sollte, dann war es immerhin einer, der das Glas zum Sturz gebracht hat: Oskar Lafontaine bleibt Kanzlerkandidat – aber Vogel nicht Parteivorsitzender. Lafontaine mußte sein machtloses Junktim zwischen Kandidatur und Staatsvertrag fahrenlassen, dafür hat er mit aller Macht ein neues Junktim, das zwischen Kandidatur und Vorsitz, durchgesetzt. Wenn er, so mochte sich der Saarländer gedacht haben, sich schon von einer unhaltbaren Position zurückziehen soll, dann muß zumindest ein anderer gänzlich zurücktreten – eben Vogel. Denn etwas anderes bedeutet die Tatsache, daß Lafontaine alsbald Vorsitzender der künftig gesamtdeutschen SPD werden will, schlechterdings nicht.

Unter anderen Umständen könnte es vielleicht sinnvoll sein, beide Funktionen in einer Person zu vereinen – auch wenn selbst heute noch keiner sagen kann, ob Helmut Schmidt wirklich länger Kanzler geblieben wäre, wenn er damals auch den Parteivorsitz übernommen hätte. Außerdem war das Klagen über die Überlastung des Partei- und Fraktionsvorsitzenden Vogel in den eigenen Reihen seit geraumer Zeit nicht mehr zu überhören. Aber das eben ist das Dilemma: Zwei Spitzenämter in einer Hand – das überfordert immer jemanden, entweder die Person oder die Partei. Nach allem, was bisher zu hören ist, kann es im Falle des keineswegs schon gesundheitlich wie politisch rehabilitierten Oskar Lafontaine durchaus beide treffen.

Lafontaine ist der erste Sozialdemokrat zumindest der Nachkriegszeit, der zum einen alles alleine bestimmen will und der zum anderen – welche Nebel auch immer die fürsorgliche und widerspruchsvolle Rhetorik verdampft – alles unter dem Blick ausschließlich des Machtkalküls und der Wahlkampfstrategie betrachtet, als sei staatspolitische Verantwortung und Rücksicht auf die überparteilich verbindliche Sache nur etwas für schlappe Romantiker.

Viele Sozialdemokraten mögen über Lafontaines Hoffart zürnen. Aber wen oder was hatten sie ihm entgegenzusetzen? So fügt sich ihm die Partei, teils aus Überzeugung, teils aus der Überlegung, die schon Franz Josef Strauß zur Kanzlerkandidatur verhalf: Gewinnt er, ist’s schlimm, aber recht; verliert er – dann auch. Lafontaine ist und bleibt Kanzlerkandidat: Der Doppelsinn ist nicht zu verkennen. R. L.