Von Ulrich Schiller

Anfang 1989 hat der ehemalige Chef der Abwehr in der DDR, der 1987 zurückgetretene stellvertretende Minister für Staatssicherheit, Markus Wolf, ein Buch veröffentlicht. Unter dem Titel „Die Troika“ erschien es sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik. Es ist die Geschichte von drei Jungen, die in den dreißiger Jahren als Spielgefährten in den Gassen um den Alten Arbat in Moskau ein unzertrennliches Dreigespann bildeten, nach 1939 aber sehr verschiedene Wege einschlugen.

Einer der drei ist Victor („Vic“) Fischer. In der Küche seines gemütlichen, bescheidenen Hauses in Anchorage/Alaska reden wir über das Buch und über die Zeit. Victor Fischer erinnert sich gut und genau. Ihn und seinen älteren Bruder George, beide in Berlin geboren, hatte es nach Moskau verschlagen, weil der Vater, Louis Fischer, ein amerikanischer Journalist und Schriftsteller, dort sein Büro hatte. Vic, wie er sich selbst am liebsten nennt, schloß damals enge Freundschaft mit den deutschen Emigrantenkindern Konrad Wolf, Sohn des Schriftstellers Friedrich Wolf, und Lothar Wloch, Sohn eines ehemaligen deutschen Komintern-Agenten.

Parallel zu diesem Dreierbund der Jungen bestand eine Freundschaft zwischen den jeweils älteren Brüdern, George Fischer und Markus Wolf. Vic Fischer legt im Gespräch entschieden Wert darauf klarzumachen, daß es zwischen diesen beiden Freundschaften nichts Gemeinsames gab. Ursprünglich hatte deshalb auch Konrad Wolf, später Filmregisseur in der DDR, die „Troika“ schreiben sollen und wollen. Eine tödliche Krankheit verhinderte es, und so griff Markus, der ehemalige Abwehrchef, zur Feder.

Vic Fischer, der einzige, der von der „Troika“ noch übrig ist, ist nicht der Meinung, daß Markus Wolf die vom Bruder übernommene Aufgabe bewältigt habe: „Es ist weniger die Geschichte der Troika als vielmehr das Vehikel für ein politisches Traktat zur Begründung gewisser Reformen im kommunistischen System.“ Markus, seit damals „Mischa“ genannt, habe alle Entwicklungsprobleme innerhalb der Dreierfreundschaft beschönigt und bemäntelt, keiner der drei sei im Buch das, was er war, die Darstellung mithin „vollkommen inadäquat“.

Besonders verärgert ist Vic Fischer darüber, daß Markus Wolf die beiden Fischer-Jungs bedenkenlos durcheinanderbringt und bei passender Gelegenheit seinen ehemaligen engen Freund George Fischer zum Mitglied der Troika macht, obwohl er sich erinnern müßte, was George und Victor Fischer voneinander unterschied: daß nur George wie er selbst, Markus Wolf, der Ideologie und dem Kult des Stalinismus verfallen war. George übrigens ist später davon auch abgerückt.