Von Gunter Hofmann

Sie vergeht nach vierzig harten Jahren, die sehr deutsche und sehr wenig demokratische Republik. Mit Staatsvertrag und Westmark, die vom 2. Juli an gilt, kommt der andere deutsche Staat an ein unerwartetes Ende. Aber auch die Bundesrepublik läuft aus, selbst wenn sie es sich nicht gern eingesteht.

Es macht das Verdienst der Aufsätze von Wolfgang Mommsen aus den letzten zehn Jahren (1978 bis 1988) aus, eine bestimmte Paradoxie der Entwicklung in Deutschland sehr plastisch vor Augen zu führen. Dazu trägt gerade bei, daß er seit langem über das (west-)deutsche Selbstverständnis nachdenkt, aber die historische Zäsur des 9. November so wenig vorausahnen konnte wie andere auch.

Unmerklich, so lautet Mommsens Botschaft, habe die Bundesrepublik „ein eigenes Selbstbewußtsein entwickelt, das sich bisweilen den englischen und französischen Partnern durchaus überlegen fühlt“. Sie erkläre sich jetzt lieber ihre Erfolge in der Nachkriegsgeschichte, schreibt er in einem der Aufsätze (1983). Hingegen lasse sie sich an die illiberalen Züge der jüngeren deutschen Vergangenheit weniger gern erinnern.

Die Westdeutschen, heißt das, begannen ihre nationale Identität zu suchen und zu definieren, eine Frage, der sie nach Mommsens Ansicht bis dahin ganz gut ausweichen konnten, bevor die Mauer fiel. Und es stimmt ja tatsächlich: Unausgesprochene Identifikationen mit der Bundesrepublik zeichneten sich ab. Sie sind von denen eher blockiert worden, die endlich die deutsche Vergangenheit relativieren und aus politischen Gründen Sinn stiften wollten in der Bundesrepublik.

Mommsen spricht zu Recht von den Bemühungen, eine „deutschere“ Geschichte der Deutschen zu formulieren, als dies in den letzten drei Jahrzehnten der Fall war, die Schuldzuweisungen und Fehlentwicklungen der Vergangenheit auf möglichst viele Schultern zu verteilen, um „offenbar dem ‚Identitätsbedarf‘ auf nationalpolitischem Gebiet entgegenzukommen“.

Die Paradoxie besteht darin, daß auf nationalpolitische Weise eine Identität gestiftet werden sollte, die sich auf viel bescheidenerem und eher postnationalem Wege anbahnte. Die Deutschen, so urteilt Mommsen nämlich grundoptimistisch (1988), hätten in den letzten vierzig Jahren keinen Sonderweg mehr gesucht und die Notwendigkeit gelernt, „mit den obrigkeitlichen und antiliberalen Traditionen der deutschen Geschichte zu brechen und den Graben einzuebnen, der zwischen der deutschen politischen Kultur und jener der westlichen Welt lange bestanden hat“.