Die Geschichte wiederhole ihre Angebote nicht, warnte Bundesaußenminister Genscher die Deutschen und die Alliierten, man dürfe keine Chancen vertun. Es stellt sich die Frage, ob nicht in der Vergangenheit Chancen vertan wurden, ob es Alternativen zum Verlauf der deutschen Geschichte gegeben hat, die den Menschen in der DDR ihr Schicksal erspart hätten - mit anderen Worten, ob es Möglichkeiten gegeben hat, die Spaltung des Landes nach 1945 zu verhindern oder sie zu überwinden, und dies zu einer Zeit, als es den Deutschen in Ost und West gleichermaßen schlechtging, als es noch keine "Ossis" mit Trabi und "Wessis" mit Mercedes gab, als die Welt die Teilung Deutschlands als anomal und nicht als stabilisierendes Element betrachtete, das es zu erhalten galt.

Wie also war das mit der Teilung Deutschlands nach 1945? Oft konnte man in der Vergangenheit hören, die Teilung sei der Preis Deutschlands für den verlorenen Weltkrieg; damit müsse sozusagen eine Schuld abgetragen werden. Nichts ist falscher als dies: Die Teilung war nicht das Ergebnis des Krieges, sondern des nachfolgenden Kalten Krieges (siehe dazu den Aufsatz von Lothar Kettenacker auf Seite 48).

Bei Kriegsende war es erklärter Wille der Sieger (allerdings mit Ausnahme Frankreichs), Deutschland als Einheit zu erhalten. Die sowjetische Politik - die im Westen als aggressiv und expansiv interpretiert wurde - führte dann aber sehr schnell zu einer Wende, an deren Ende die Teilung stand. Als erste waren bereits im Frühjahr 1946 die Briten entschlossen, diesen Weg zu gehen, um den Kommunismus jenseits der Elbe zu halten und - wenn möglich - Westdeutschland zu einem Bollwerk gegen den Kommunismus aufzubauen. In Washington zögerte man noch, ebenfalls diesen Weg zu gehen. Außenminister James F. Byrnes war damals entschlossen, die deutsche Frage anders zu losen: Die vier Besatzungsmächte sollten sich verpflichten, Deutschland nach dem Ende der Besatzungszeit noch weitere 25 Jahre entwaffnet und entmilitarisiert zu halten und zu diesem Zweck eine gemeinsame, scharfe Kontrolle auszuüben. Bemerkenswert an diesem Gedanken ist vor allem - besonders auf dem Hintergrund der späteren Entwicklung der frühen fünfziger Jahre , daß die amerikanischen Staatsmanner eine solche Neutralisierung Deutschlands - darauf wäre die Sache hinausgelaufen - offensichtlich für möglich hielten.

Die Außenministerkonferenz in Paris im FrühjahrSommer 1946 bot Gelegenheit, in der entscheidenden Frage, welche Ziele die Sowjets in Deutschland verfolgten, Klarheit zu schaffen. Die Haltung des sowjetischen Außenministers Wjatscheslaw Molotow bestätigte dann sämtliche Befürchtungen der Anglo Amerikaner. Sein kompromißloses, manchmal geradezu brutales Nein zu allen westlichen Vorschlägen — teilweise ohne, teilweise mit grotesker Begründung - beseitigte vor allen Dingen bei den Briten auch die letzten Zweifel an den wahren Absichten der Sowjets in Deutschland - wenn dies überhaupt noch nötig war.

Aber auch dem Amerikaner Byrnes kamen jetzt ernsthafte Zweifel an der sowjetischen Aufrichtigkeit. Molotow hatte den amerikanischen Neutralisierungsplan abgelehnt, weil er "das Problem der deutschen Entwaffnung in die Zeit nach dem Ende der Besetzung zu vertagen scheine". Genau dies war nicht geplant, aber alle Erläuterungen halfen nichts, Molotow blieb bei seiner Ablehnung, selbst als sich Byrnes in der zweiten Phase der Konferenz bereit erklärte, den Zeitraum der Kontrolle von 25 auf 40 Jahre zu erhöhen. Der britische Außenminister Ernest Bevin hatte zu diesem Zeitpunkt keine große Hoffnung mehr, daß sich bei den Sowjets etwas bewegen würde, solange dort, wie er einem Freund anvertraute, "die Molotow Mentalität" herrsche; man könne sich noch so sehr um einen Kompromiß und um den Frieden mit den Sowjets bemühen, es sei alles umsonst: "Es ist eine Diktatur schlimmster Art " Seit dem Herbst 1946 mehrten sich - zunächst im Foreign Office - die Stimmen jener, die in einer Teilung Deutschlands die beste aller Lösungen für die deutsche Frage sahen. Im Frühjahr 1947 waren auch die Amerikaner soweit. Im März verkündete Präsident Truman vor dem Kongreß das, was als Truman Doktrin in die Geschichte des Ost West Konfliktes eingegangen ist: das Angebot der Vereinigten Staaten, "die freien Völker zu unterstützen, die sich der Unterwerfung durch bewaffnete Minderheiten oder durch Druck von außen widersetzen". Außenminister Bevin hat später in seinem Bericht für das Kabinett über die zwei Tage zuvor begonnene Moskauer Deutschlandkonferenz der vier Außenminister hervorgehoben, diese Erklärung Trumans habe definitiv jede Chance einer Übereinkunft für Deutschland mit Moskau zerstört und die Lage völlig verändert.

Die Moskauer Konferenz blieb genauso ohne Ergebnis wie die Londoner Außenministerkonferenz wenige Monate später. Von Molotow kamen damals keine neuen Vorschläge. Vor die Wahl gestellt, den Griff auf die sowjetische Besatzungszone - und damit auch auf die übrigen Satelliten in Osteuropa - zu lockern oder einen westlichen Block zu akzeptieren, hatte sich Moskau für den zweiten Weg entschieden, offensichtlich in der Hoffnung, die Bildung eines solchen Blocks soweit wie möglich stören oder vielleicht doch noch verhindern zu können. Die Positionen in der Deutschlandfrage waren damit endgültig klar. Für Briten und Amerikaner machte die Londoner Konferenz den Weg frei in Richtung pragmatischer Lösungen und neuer politischer Grundsatzentscheidungen, die bisher aus politischer Rücksicht hintangestellt worden waren. Jetzt endlich war man zu jenem - wie es hieß - "kühnen Schritt" entschlossen, der zur Gründung eines deutschen Weststaates führen würde.

Dieser Weststaat sollte der östlichen Besatzungszone in jeder Beziehung überlegen sein, mit dem Ziel, so Bevin, daß jede Initiative für eine Wiedervereinigung aus dem Westen kommen und nicht zu einer von den Sowjets inspirierten Bewegung aus dem Osten werden würde. Daß dies auf eine zumindest vorübergehende, möglicherweise aber auch endgültige Spaltung Deutschlands hinauslief, ist allen Beteiligten klar gewesen; die Verantwortung dafür war bei der Sowjetunion zu suchen.