Schuld! Da kann man doch nicht von Schuld reden!“ erbost sich die Mutter eines vor zwei Jahren an Aids gestorbenen Homosexuellen. Aber weil das die Reaktion sei „von draußen“, wie sie sagt, kennen nur die allerengsten Freundinnen die Wahrheit. „Nachbarn und Bekannten hab’ ich erzählt, er sei an Lungenkrebs gestorben.“ Bei Krebskranken fragt niemand nach der Schuld; Krebskranke können des Mitgefühls ihrer Umwelt sicher sein. Die Unmöglichkeit, offen über das, was wirklich war, zu reden, macht es schwer, den Tod des Sohnes zu verarbeiten oder zu verwinden. Die Identifizierung von „Verursachern“ und „Schuldigen“ erleichtert es der Mehrheit der Kaum-Gefährdeten, sich aus der Verantwortung zu stehlen.

Wo die Überzeugung Konjunktur hat, allein Risikoverhalten wie Drogenkonsum oder häufiger Partnertausch sei die Wurzel allen Übels und sei zudem an die Zugehörigkeit zu stigmatisierten Gruppen und Rassen gebunden, die es nur auszugrenzen oder zu isolieren gelte, um eine weitere Ausbreitung der Krankheit zu verhindern, wird Betroffenheit zum Spießrutenlauf. Das Stigma der Immunschwächekrankheit zwingt Infizierte wie Angehörige in die innere Immigration: „Manchmal möchte ich voller Wut mit der Faust auf den Tisch hauen, wenn ich höre, wie verächtlich in meinem Bekanntenkreis über Aids-Kranke geredet wird“, meint die Mutter des vor zwei Jahren Verstorbenen. Sie tut es nicht – sie weint, und die Runde, in der sie sitzt und sich den Schmerz von der Seele redet, läßt sie eine Weile gewähren, bevor sie versucht, Trost zu spenden. Jens, Jürgen, Werner und Barbara (Namen von der Redaktion geändert) sind HIV-positiv; sie haben nicht minder gegen die Verinnerlichung der „von draußen“ an sie herangetragenen Schuldzuweisung zu kämpfen.

„Ich bin kein Typ, der von hier nach da hüpft“, wehrt sich Barbara gegen das Klischee, daß Promiskuität der Grund für die Infektion nichtdrogenabhängiger Heterosexueller sei.

Werner gibt sich selbst die Schuld: „Ich habe das Virus in meine Partnerschaft eingeschleppt“, erzählt er. Als Reaktion brach er sämtlichen sexuellen Kontakt ab. „Ich fühle mich ein bißchen wie ein Todesbringer“, meint er. Jens, still und introvertiert, reagierte ähnlich. „Dabei“, sagt er, „war ich früher sehr aktiv.“ Und Jürgen, der vierzehn Jahre lang mit einem vor vier Jahren an Aids gestorbenen Mann zusammenlebte, gibt sich alle erdenkliche Mühe, den bohrenden Fragen der Mutter nach seiner Gesundheit auszuweichen.

Die Seuche ist überall auf der Welt zum Ventil alltäglicher rassistischer wie sozialer Antipathie und Diskriminierung geworden: Eine belgische Vermieterin verweigert einem Schwarzafrikaner aus Zaire ein Zimmer unter Hinweis auf das Ausmaß der Seuche in seiner Heimat. In Hangzhou, im Südosten Chinas, kommt es zu Zusammenstößen zwischen chinesischen und tansanischen Studenten, weil letztere Chinesinnen mit auf ihre Zimmer nehmen wollten. Südafrikanische Minenbesitzer lassen HIV-positive Bergarbeiter aus Zimbabwe deportieren; in Polen gehen Bauern und Jugendbanden gegen einen von HIV-Infizierten und Aids-Kranken bewohnten Gutshof auf die Barrikaden; die DDR läßt Homosexuelle zur Blutprobe antreten – und in der Bundesrepublik?

Jens, bei dem sich mittlerweile das Vollbild entwickelt hat, hat sein Geschäft aufgeben müssen. Denn daß seine Kundschaft mehr Souveränität als seine Ärztin gehabt hätte, bezweifelt er. Vorher wollte er eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen. „Doch als HIV-Positiver neue Versicherungen abzuschließen oder alte zu verändern ist völlig unmöglich.“ Darlehen zu bekommen, bestätigt Werner, der nach wie vor seinen Handwerksbetrieb aufrechterhält, sei damit völlig aussichtslos. Denn ohne Sicherheiten keine Kredite. Nach einem längeren Krankenhausaufenthalt habe ihn der Abteilungsleiter zwei Stunden lang in die Mangel genommen, berichtet Jürgen. Als er dann endlich gestanden hatte, erhielt er Hausverbot. In der anschließenden Kur habe der Bademeister sich geweigert, ihn zu massieren, und der Friseur wollte ihm nicht die Haare schneiden.

Auch offiziell wurde die Diskriminierung sanktioniert. So lebt eine Reihe von Staaten in der irrigen Vorstellung, das HIV-Virus lasse sich mittels Antikörpertests von Touristen oder zumindest Fremden, die einen längerfristigen Aufenthalt planen, sowie Einreiseverboten für als HIV-positiv identifizierten Personen unter Kontrolle bringen. Die Auswahl der vermeintlichen Gefahrenquellen bleibt dabei so willkürlich wie wirkungslos: Während Belgien alle schwarzen Studenten einem Zwangstest unterzieht, gewährt Bayern auch US-Amerikanern nicht ungetestet eine Aufenthaltsgenehmigung, wohl aber allen Westeuropäern. Asiatische Staaten, allen voran Korea, China und Japan, glauben, die Krankheit werde mit dem „dekadenten Lebensstil“ der Weißen eingeschleppt. Japaner sind gar dazu übergegangen, in den Vergnügungsvierteln Tokios ausländerfreie Zonen einzurichten, und selbst im Rotlicht-Bezirk Bangkoks haben die finanzkräftigen Asiaten eine eigens für sie reservierte „japanische Straße“ durchgesetzt. bis