Wenn Bernhard Schwartländer etwas erklärt, dann greift er gern zum Bleistift.

Denn meist geht es um Säulen oder Kurven, die er auf ein Stück Papier kritzelt oder zur Verblüffung des Zuhörers auf dem Bildschirm seines Computers mehrfarbig aufbaut, einander gegenüberstellt und mit einem Tastendruck wieder verschwinden läßt, um weitere Graphiken und Statistiken erscheinen zu lassen.

Was auf dem Monitor als Punkt oder Zahl erscheint, sind für Schwartländer keine abstrakten Größen. Dahinter verbergen sich Schicksalsschläge, Leiden und Tod. Den Menschen, die davon getroffen wurden, begegnet der Arzt selbst zweimal die Woche in der Beratungsstelle. Bernhard Schwartländer ist Fachgebietsleiter Klinische Forschung am Aids Zentrum des Bundesgesundheitsamtes (BGA) in Berlin.

Das Institut, in Hochzeiten der Aids Hysterie von der damaligen Bundesgesundheitsministerin Rita Süssmuth in aller Eile mit großem Propagandaaufwand, aber minimaler personeller und materieller Ausstattung gegründet, hat sich innerhalb kurzer Zeit zu einer effizienten epidemiologischen Forschungszentrale entwickelt. Hier fließen alle Aids Meldungen der Bundesrepublik zusammen, aufgeschlüsselt nach Datum der Diagnose, dem klinischen Erscheinungsbild des Immunschwächesyndroms, sei es die Lungenerkrankung Pneumozystis Carinii Pneumonie, der Hautkrebs Kaposi Sarkom oder ein Virusbefall des zentralen Nervensystems. Die Verschlüsselung der persönlichen Daten läßt keinerlei Rückschlüsse auf die Identität der Patienten zu. Nur die Anonymität ermöglicht vielen, frei über ihr Infektionsrisiko zu reden. Das aber ist für die Einschätzung der Epidemie, wie man inzwischen weiß, entscheidend.

"Was wir derzeit sehen", sagt Bernhard Schwartländer und zieht eine lange Graphitspur über ein Blatt Papier, "ist erst ein schwacher, dann ein steiler, fast schon exponentioneller Anstieg der Aids Fälle, dann aber fällt die Kurve wieder ab in den linearen Bereich. Ein Wendepunkt deutet sich an Auf dem Zettel ist ein S entstanden "Ob man nun eine Bakterienkultur nimmt", greift der Arzt zu einem Beispiel aus seiner Laborzeit, "oder ein Gewebe mit Viren infiziert. Jedes kumulative Wachstum in einem geschlossenen System folgt demselben Gesetz, die Kurve zwischen den Koordinaten Zahl und Zeit bildet ein solches S. Irgendwann ist eine Sättigung erreicht. Die Kurve flacht dann ab "

Schnell korrigiert Bernhard Schwartländer, immerhin Mitarbeiter einer Gesundheitsbehörde, einen möglichen falschen Eindruck, den seine flüchtig dahingekritzelte Graphik nahelegen könnte: "Selbstverständlich ist Aids keine Epidemie in einem geschlossenen System, doch wenn sich außerhalb der bisherigen Risikogruppen sehr viel abspielen würde, könnte die Kurve insgesamt nicht so abfallen. Die große Epidemie mit einer raschen Ausbreitung unter den Heterosexuellen, die wir befürchtet haben, gibt es nicht "

Aids Entwarnung? Waren sie überflüssig, die Kampagnen für sicheren (Safer) Sex? Ist das Ende der sexuellen Revolution, von erotischer Freizügigkeit und freier Partnerwahl voreilig ausgerufen worden? Bleibt von der Aids Apokalypse nicht mehr als ein guter Konjunkturzyklus für die Hersteller von Kondomen?