Von Lothar Kettenacker

Zu den historischen Legenden, die immer noch umhergeistern, gehört die Unterstellung, die Teilung Deutschlands sei eine von vornherein beschlossene Sache gewesen. Einer aufgeklärten Version zufolge ist die Teilung der Preis für den von Deutschland angezettelten Weltkrieg. Historiker sind dieser weitverbreiteten Ansicht bisher nicht mit der nötigen Entschiedenheit entgegengetreten, weil sie im allgemeinen dazu neigen, der tatsächlichen Entwicklung mehr Rationalität und Legitimität zuzugestehen, als ihr notwendigerweise eigen sind.

Die Vermutung liegt nahe, daß hier Joseph Goebbels, der größte Medienmanipulator des Jahrhunderts, noch sein Unwesen in den Köpfen der ehemaligen Volksgenossen treibt. Auch die mit der Forderung nach bedingungsloser Kapitulation oder mit dem Morgenthau-Plan verbundenen Assoziationen vom finis Germaniae dürften auf die Nachwirkungen der nationalsozialistischen Propaganda zurückzuführen sein. Tatsächlich ist Italien mit der Annahme des uncondittonal surrender besser „weggekommen“: Es hat nicht einmal Südtirol an das nach alliierten Plänen neukonstituierte Österreich zurückgeben müssen, wie es der britische Historiker Arnold Toynbee, der Chef des Foreign Office Research Department, empfohlen hatte.

Der Morgenthau-Plan war von Churchill just auf der Konferenz nach langem Zureden paraphiert worden, auf der Roosevelt den Briten ebenso widerwillig die begehrte nordwestliche Besatzungszone zugestanden hatte. Das britische Kabinett, das den Premierminister vor den Folgen des Morgenthau-Plans gewarnt hatte, dachte nicht daran, sich von Washington als Exekutor einer völlig unsinnigen Absichtserklärung bestimmen zu lassen. Der Morgenthau-Plan kündigte eine Wende der amerikanischen Deutschland-Politik an, ein Abrücken von der raschen Konsolidierung der deutschen Wirtschaft, wie sie den bisherigen Plänen zugrunde gelegen hatte. Und selbst dies sollte bald in Frage gestellt werden.

Gerade jetzt, da die Siegermächte bei der Wiedervereinigung Deutschlands ein Wort mitreden, sollte man über ihre Absichten und Motive bei Kriegsende genau informiert sein. Und dazu gehört die auf den ersten Blick vielleicht überraschende Erkenntnis, daß ein von der politischen Kultur der Bundesrepublik gesteuertes Gesamtdeutschland in den Umrissen von 1990/91 zwar nicht ihren Erwartungen, wohl aber ihren Wünschen und Hoffnungen weitgehend entsprochen hätte.

Man erhoffte sich ein Deutschland, das nach einer „Läuterungszeit“ ohne Wenn und Aber seinen Platz in der europäischen Völkerfamilie einnehmen, endlich Ruhe geben und allen Machtgelüsten und sonstigen Halbstarkenallüren abschwören würde. Ein geteiltes, hungerndes, ressentimentgeladenes und für jeden neuen politischen Fundamentalismus zugängliches Achtzig-Millionen-Volk in der Mitte Europas wollte man gewiß nicht. Genau dies meinte Churchill, als er dem Kabinett die Beschlüsse der Atlantik-Konferenz im August 1941 erläuterte und in sarkastischer Weise davon sprach, man wünsche sich die Deutschen fat but impotent, eine Formulierung, die, als sie in den letzten Jahren bekannt wurde, von humorlosen Deutschen in ihrer Kastrationsangst denn auch prompt mißverstanden wurde.

Wie konnte sich so lange die Vorstellung behaupten, als sei die Teilung Deutschlands auf alliierte Machenschaften zurückzuführen? Ganz aus der Luft geholt sind wohl historische Legenden nie. Im Zweiten Weltkrieg ist viel über die staatliche Zergliederung Deutschlands (dismemberment oder partition) geredet und geschrieben worden, als sei diese radikale Lösung der deutschen Frage das probate Mittel zur dauerhaften und wirkungsvollen Entmachtung des notorischen Unruhestifters. Eine Mehrheit der Bevölkerung unter den westlichen Alliierten hat sich in Meinungsumfragen (Gallup Poll, Großbritannien, August 1944) zeitweise zustimmend dazu geäußert.