Eine deutsche Geschichte

Von Heinrich Jaenecke

Seit 45 Jahren lagerten die Bücherkisten im Heimatmuseum von P., schöne stabile Holzkisten mit Scharnierdeckel und Eisenbügeln, wie sie früher vom Weinhandel verwendet wurden. Der Vater hatte sie in P. zurückgelassen, als er nach Kriegsende, ganz offiziell mit russischem Propusk, ins Ausland verzog. Sie wurden unter „staatliche Verwaltung“ gestellt und somit in die Ordnung der Zeit gebracht, mit Aktenvermerk, wie es sich in Deutschland gehört.

Die Zeit verging, und ein widriges Schicksal wollte es, daß die Kisten das einzige wurden, was vom Vater übrigblieb. Sie gaben keine Ruhe.

Die Kisten waren kein Geheimnis in P. Jedesmal, wenn ich zu Besuch kam, erinnerten mich die Freunde daran. Wenigstens mal reinschauen, sagten sie, das geht vielleicht. Eines Tages – es ist zehn Jahre her – sagte die Kollegin Museumsleiterin: Gut, Sie können mal reinschauen, aber nur reinschauen.

Wir schleppten die Kisten über die Straße ins Haus der Freunde und öffneten die Eisenbügel. Eine Wolke von Staub und Schimmel schlug uns entgegen. Aber die Bücher weinten vor Freude, daß sie ans Tageslicht kamen. Wir nahmen Band für Band in die Hand – lauter alte Sudermanns, Strindbergs, Schnitzlers, Meyrinks, Lombrosos, Lilli Brauns, auch einiges, was der Vater selbst verfaßt hatte –, eine Geisterstunde des jungen Jahrhunderts.

Die Freude dauerte nicht lange. Noch am selben Vormittag erschien per Fahrrad ein Bote vom Rat der Gemeinde und befahl in barschem Ton namens der Obrigkeit, die Kisten ohne Verzug und mit komplettem Inhalt wieder an ihren angestammten Platz zu bringen. Ich selbst, der Urheber, hätte mich innerhalb von zwei Stunden beim Rat des Kreises in R., Abteilung Innere Angelegenheiten, einzufinden.