Von Rolf Henkel

Murnau

Das war für Josef Stimpfle, den Bischof von Augsburg, gewiß eine schreckliche Begegnung. „Hallo Thommy“, rief ein Zehnjähriger vom Fahrrad herunter, und der angesprochene Thommy antwortete fröhlich: „Grüß dich, Franzl.“ Der Mann neben dem Bischof, den der Bub da im oberbayerischen Murnau so respektlos grüßte, war die kirchliche Amtsperson des Ortes: Thomas Rainer Blab, 47 Jahre alt, Pfarrer von Sankt Nikolaus. Nach dreizehn Jahren verabschiedete ihn die Gemeinde letzte Woche mit Tränen und 800 brennenden Kerzen. Thomas Blab hatte, entnervt durch anonyme Beschwerden beim Bischof und eine öffentliche durch den Oberhirten, auf seine Pfarrei verzichtet.

Und Oberbayern hatte wieder einmal einen Kirchenskandal. Denn der Fall Blab zeigt, daß aufgeschlossene Pfarrer, die bei ihren konservativen Bischöfen anecken, von der Kirchenbürokratie gnadenlos zermürbt werden. Und er beweist, daß Katholiken und Protestanten in einem Ort durchaus freundlich miteinander umgehen können. Nur der katholische Pfarrer darf das nicht. Vor allem nicht im Bistum Augsburg.

Sonntag früh vor Sankt Nikolaus: Vier alte Frauen kommen aus der Kirche. Sie haben die Frühmesse besucht, weil Blab sie an diesem Tag nicht hält. Den populären Pfarrer mögen sie nicht. „Der will uns evangelisch machen“, schimpft eine, und die andere sekundiert: „Die Evangelischen stecken dahinter.“ Dann schnauben sie fort, stoßen den Krückstock wütend in den Kies auf dem Kirchhof und blicken starr an den Tischen vorbei, auf denen Solidaritätslisten für Blab liegen. Fast 6000 haben sich eingetragen.

Ist Thomas Blab ein Ketzer? Reif für den Scheiterhaufen? Nichts dergleichen. Blab fällt aber aus dem üblichen Schema der bischöflichen Kirchensteuer-Verwalter heraus. Bei ihm war die Gemeinde lebendig: 7500 Leute, volle Gottesdienste, überall Aktivitäten. Während andere Pfarrer schon über halbvolle Kirchen in Hosianna-Rufe ausbrechen, betreute Blab in Murnau noch rund ein Dutzend Arbeitskreise. „Eine einmalig aktive Gemeinde“, sagt Siegfried Forstner, Chef des Pfarrgemeinderates, stolz.

Aber: Blab hielt auch Gottesdienste für den Frieden und gegen eine Welt voller Waffen. Bei ihm durften die Frauen mitreden, er pflegte Kontakte zu kritischen Bischöfen in Südamerika, die ihn besser verstanden als sein eigener Bischof in Augsburg. Er führte ein neues Credo ein und ließ in der Predigt Zwischenrufe zu. Und er praktizierte innerkirchliche Demokratie, indem er die Gemeinde nicht nur mitbeten, sondern auch mitentscheiden ließ. Das ist zwar nicht verboten, aber der Bischof mag mündige Schäfchen nicht. Und manche Schäfchen mögen auch nicht mündig sein.

Wer den Murnauer Kirchenkampf verstehen will, muß zweierlei wissen: Nirgendwo fallen Gerüchte und anonyme Denunziationen auf so fruchtbaren Boden wie in den Bischofspalästen. Und: Augsburgs Bischof Josef Stimpfle, 74 Jahre alt, kämpft verbissen gegen die „Protestantisierung“ der Kirche. Hinter jedem Straßenbaum Witten er Evangelische. Ökumene ist ihm verdächtig, weshalb er schon Anfang des Jahres den Katholiken in Neu-Ulm strikt untersagte, die Einladung der Protestanten zum Abendmahl anzunehmen. „Mit Betroffenheit, traurig und zornig“ nahmen das die Neu-Ulmer Lutheraner zur Kenntnis und fragten: „Ist der Protestantismus etwas so Schlimmes?“

Für Bischof Stimpfle offenbar schon. Er verbot deshalb den sechzig am kommenden Sonntag zum Bezirksmusikfest nach Sonthofen anreisenden Gruppen sogar einen ökumenischen Gottesdienst. Denn sonntags geht der Katholik in seine eigene Kirche und betet nicht gemeinsam mit Protestanten! Nur wochentags sind im Bistum Augsburg ökumenische Feiern erlaubt.

Stimpfle hat andere Freunde. So nimmt er gern die „Integrierte Gemeinde“ gegen den Vorwurf in Schutz, sie sei eine Sekte, „eine Art Scientology in der katholischen Kirche“, der es „unter dem Deckmantel der Religion vorrangig um Besitz und Macht geht“. Die Gruppe, die Franz Henrich, Chef der Katholischen Akademie in Bayern, eine „Räuberbande“ nannte, baut in Stimpfles Bistum am Ammersee ein riesiges Kloster. Ebenso aktiv ist unter Stimpfles Fittichen auch der erzkonservative katholische Geheimbund Opus Dei.

In diesem Klima wuchs der Fall Murnau. Am Anfang waren dürre siebzehn Zeilen aus dem Samstag-„Stammtisch“ im Lokalteil der Süddeutschen Zeitung. Darin bat Autor Hannes Burger den Heiligen Geist um Erleuchtung für den Papst beim Umgang mit Andersgläubigen. Der Nikolausbote, das Blatt des Pfarrgemeinderats von Sankt Nikolaus, druckte die Glosse im Januar 1989 nach.

Bischof Stimpfle konnte darüber gar nicht lachen. Er zitierte Pfarrer Blab im Februar 1989 zum Rapport ins Augsburger Ordinariat. Der Vorstand des Pfarrgemeinderats, für den Nachdruck verantwortlich, wollte reumütig mitgehen und sich der Schelte stellen. Doch mit seinen Schäfchen wollte der Bischof nicht reden. Bis heute will er das nicht. Trotz mehrerer Erinnerungen wich er dem Gespräch mit der Murnauer Gemeinde aus. Er ließ sich statt dessen durch anonyme Briefe informieren – bis zu zwölf kamen pro Woche bei ihm an. Während solche Pamphlete im Bistum München umgehend dem Angeschuldigten zugeschickt werden, ließ Stimpfle Blabs Akte damit füllen.

Im März 1990 mußte der Pfarrer von Murnau wieder einmal in Augsburg antreten. „Ein gutes Gespräch mit dem Bischof“, berichtete er und feierte am nächsten Tag sein zwanzigjähriges Priesterjubiläum. Doch ein paar Tage später war plötzlich alles ganz anders. Erneut in Augsburg, mußte Blab, natürlich freiwillig, auf sein Amt verzichten. Im Kirchendeutsch heißt das doppeldeutig „Resignation“. Weshalb Birgitta Wolf, auch eine Murnauerin und als „Engel der Gefangenen“ bekannt, meint: „Er ist mürbe geworden. Er kann nicht mehr. Er hat resigniert.“

Erst danach ereignete sich das, was jetzt immer als Ursache für Blabs Rückzug genannt wird. Am 23. Mai beerdigte der Pfarrer seinen Freund, den Notar Jokisch. Die Trauerfeier hatte einen Schönheitsfehler: Der tote Notar war evangelisch, aber seine Frau ist katholisch und in Blabs Gemeinde aktiv. Am Schluß begleitete Blab die Witwe zum Abendmahl und empfing dabei selbst die evangelische Art der Kommunion. Das brachte den Bischof in Rage. Blab mußte erneut in Augsburg erscheinen, die Inquisition moderner Art nahm ihren Lauf. Um die sofortige Suspendierung abzuwenden, mußte er Pfingsten eine vom Bischof formulierte Erklärung in Ich-Form verlesen und viermal vor der Gemeinde bekennen: „Ich bin mir bewußt, daß dieses Verhalten in Widerspruch zum Glauben und zur Ordnung der katholischen Kirche steht. Dies bedauere ich aufrichtig.“ Reinhold Vöth, einst Intendant des Bayerischen Rundfunks und Bürger von Murnau, fühlte sich bei dieser Demütigung seines Pfarrers „fatal an längst vergangene Zeiten erinnert“.

Blabs Gemeinde übte Solidarität. Spontan gingen fünfzig Murnauer Katholiken in die evangelische Kirche, um dort auch dieses ketzerische Abendmahl zu empfangen. Sie warten jetzt darauf, daß Bischof Josef sie feuert und auf ihre Kirchensteuer verzichtet. Fünf sind schon ausgetreten, die Pfarr-Sekretärin hat gekündigt. Andere standen am Info-Stand in der Stadt und forderten: „Kirche lebt – löscht den Geist aus.“ Kinder brachten Blab Kerzen an den Altar. Und Bürgermeister Werner Frühschütz (CSU) wettert: „Es ist empörend, wie man mit unserem Pfarrer umgegangen ist. Es könnte fast mutlos machen.“

„Eine schreiende Ungerechtigkeit“, sagt die Schwedin Birgitta Wolf und findet es „bedeutend, daß die Gemeinde so geschlossen aufsteht“. Sie selbst hat für den Pfarrer demonstriert und meint: „Jesus wäre wohl nicht in der Amtskirche, aber er stünde hinter Thomas.“ Reinhold Vöth, auch Rechtsanwalt, schrieb zornig sechs Seiten an den Bischof: „Auch für kirchliche Behörden sollte immer noch der Satz gelten, daß der Kläger die Beweislast hat, denn sonst wäre ja der Verleumdung Tür und Tor geöffnet.“ Und: „Einen Seelsorger wie Pfarrer Blab zu haben, ist geradezu ein Geschenk Gottes.“ Doch der Bischof blieb hart. Aus „übergeordneten Gründen“ könne er nicht nachgeben: „Das Gut des Glaubens läßt das nicht zu.“

Die Gemeinde ist trotzdem empört. Am letzten Abend mit ihrem Pfarrer trifft sie sich im überfüllten Kursaal zur Sympathiekundgebung für Blab, der seine Koffer schon gepackt hat. Ein Studiendirektor vom Gymnasium empfiehlt der Kirche, nicht nur zu lehren. „Sie soll auch hinhorchen, was das Volk denkt und fühlt.“ Dann könnte sie feststellen, daß beim Thema Ökumene „nur noch 15 Prozent dem Papst glauben und 85 Prozent ihrem Gewissen folgen“.

Ein anderer ärgert sich darüber, „wie ignorant kirchenamtliche Stellen auf das Drängen der Gemeinden reagieren“. Eine Frau will Geld spenden für eine Bittreise zum Papst nach Rom. Am Ende einigt sich die Gemeinde auf eine Protestdemonstration am 30. Juni vor dem Bischofssitz in Augsburg. Dann hat Stimpfle gerade die bayerische Bischofssynode zu Gast.

Kirchenrechtlich gesehen ist Stimpfle nichts vorzuwerfen. „Wenn wir nur das Kirchenrecht unter dem Arm tragen würden, könnten wir nie Menschen für die Kirche gewinnen“, sagt der Füssener Pfarrer Erich Renz beim Abschied von Blab. Und er beichtet: „Mir haben sechzehn Pfarrer der Diözese Augsburg bestätigt, daß sie schon mehrfach am evangelischen Abendmahl teilgenommen haben.“

Das Ende: Am späten Abend bilden 800 Menschen mit brennenden Kerzen eine Lichterkette zwischen der evangelischen und der katholischen Kirche von Murnau. „Wir wollen Zeichen setzen“, sagen sie. Doch die Beobachter des Bischofs sind schon längst abgereist. Sie suchen jetzt die sechzehn Pfarrer mit dem Abendmahl.