Fast in letzter Minute ist es nun auch in Bonn gelungen, Parlament und Regierung auf eine uneingeschränkte Garantie der polnischen Westgrenze zu verpflichten. Eben noch rechtzeitig, bevor die Deutschen in dieser Frage auf dem „2 + 4“-Forum Farbe bekennen müssen, verabschieden Bundestag und Volkskammer eine gleichlautende Entschließung, in der die beiden Regierungen aufgefordert werden, die darin enthaltenen strikten Aussagen zum Verlauf und Bestand der Oder-Neiße-Grenze der Republik Polen in aller Form und als Ausdruck auch ihres eigenen Willens mitzuteilen. Warschau hatte ursprünglich gefordert, beide deutsche Staaten sollten mit Polen einen Grenzvertrag vorbereiten und zunächst paraphieren. Mit einigem Recht läßt sich sagen: Die jetzt gefundene Lösung gibt den Polen noch bessere Gewähr dafür, daß der abschließende Vertrag mit dem vereinten Deutschland richtig zustande kommen wird.

Ende gut, alles gut? Es wäre mancher Schaden von Deutschland abgewendet worden, wäre die Grenzgarantie früher ausgesprochen worden. Jetzt sagt der Kanzler, an sich sei diese Frage einem Friedensvertrag vorbehalten gewesen, aber da es nun einen förmlichen Friedensvertrag nicht geben werde ... Diese Rabulistik mag noch nicht einmal ausreichen, den rechten Widersachern in der eigenen Fraktion einen Vorwand für die späte Wendung zu präsentieren. Vor der Geschichte zählen solche Geschichtchen erst recht nichts. Daß Bonn selber an einem Friedensvertrag gar nicht mehr interessiert war, pfiffen die Spatzen schon lange von den Dächern.

Gemeinsam müssen wir hoffen, daß die schlimmen Folgen des Bonner Taktierens bald ausgeglichen werden. Am schwersten wird dies gegenüber Warschau fallen. Denn die deutsch-polnischen Beziehungen waren unterdessen auf einen absoluten Tiefpunkt gesunken. Um so mehr kommt es jetzt darauf an, daß die Deutschen den Polen nicht nur die Grenzen gewährleisten, sondern ihnen auch großzügige Hilfe beim inneren Aufbau gewähren.

R.L.