Von Jonathan Mann

GENF. – Am Ende der ersten Aids-Dekade sind wir an einem kritischen Punkt angelangt. Zwar sind überall erhebliche Fortschritte bei der Mobilisierung von Ressourcen gegen die Epidemie gemacht worden. Dennoch droht die Lücke zwischen der Geschwindigkeit, mit der sich die Krankheit ausbreitet, und den Maßnahmen zu ihrer Vorsorge und Eindämmung immer breiter zu werden.

Wir tun alles, um eine weltweite Epidemie in den Griff zu bekommen, die so fatal ist wie keine zuvor. Doch mit dem Beginn der neunziger Jahre wird unsere Anfälligkeit für Aids weiterhin wachsen. Wirksame Gegenmaßnahmen werden immer noch behindert, und zunehmend macht sich die Einstellung breit, so schlimm sei die Seuche in Wirklichkeit nicht. Damit aber werden die Fortschritte bei der Aids-Bekämpfung in Frage gestellt und künftige Anstrengungen gelähmt.

Die Ausbreitung des HIV-Virus, der das menschliche Immunsystem zerstört, und damit die „Krankheit“ Aids begann Mitte der siebziger Jahre. Als 1981 Aids in den Vereinigten Staaten entdeckt wurde, hatte sich der Virus schon über fünf Kontinente ausgebreitet. Mitte der achtziger Jahre paarte sich mit der Erkenntnis der globalen Verbreitung die berechtigte Furcht vor einer unkontrollierten Ausweitung der Seuche.

Während der achtziger Jahre wurden mehr als fünf Millionen Menschen vom HIV-Virus infiziert, mehr als 600 000 bekamen Aids und über 300 000 starben daran. Die Weltgesundheits-Organisation prophezeit inzwischen sechs Millionen Aids-Fälle bis zum Jahr 2000. Sollte sich die Verbreitung des Virus noch beschleunigen, besonders in Asien, werden sogar diese Voraussagen der Realität sogar noch hinterherhinken.

Gegen diese Bedrohung haben die Weltgesundheits-Organisation und einzelne Staaten eine weltweite Strategie ausgearbeitet und angewandt. Ein bemerkenswert hoher Grad wissenschaftlicher Mobilmachung hat erste brauchbare Medikamente sowie Fortschritte bei der Entwicklung eines Impfstoffs zur Folge gehabt.

In Ländern wie Uganda, Brasilien, Dänemark und den Philippinen wurden Anti-Aids-Programme in Form von Gesundheitserziehung, Überprüfung von Bluttransfusionen und Hilfe für Infizierte und Kranke begonnen. Dabei zeigte sich, daß Männer und Frauen sich selbst und andere schützen können, wenn sie dafür die nötige Information und Unterstützung erhalten – wie in San Francisco, Stockholm, Amsterdam, Sydney, Kinshasa und Nairobi.