Deutschland West schwarze Filzstiftkreuze einen neuen Fall als erledigt markieren. Hinweise von dienstbaren Leuten ermöglichen der DDR Polizei, was Springers Welt als "schweren Schlag gegen die RAF" einordnet. Macht, so fragt man sich in der DDR, nach Innenminister Peter Michael Diestels umstrittener Personalpolitik jetzt dankbares Personal Politik?

Doch während zwischen Leipzig und Neubrandenburg bisher acht seit langem gesuchte Terroristen hinter Schloß und Riegel kamen, erweiterten die Häscher hüben und drüben die terroristische Vereinigung und nahmen sich neue Täter vor. Weil sie der "Rote Armee Fraktion" (RAF) über Jahre hinweg Unterschlupf gewährt hätten, müßten nun auch die Chefs des einstigen Staatssicherheitsdienstes der DDR als Mitglieder oder Helfer verfolgt werden, meinen berufene und unberufene Fahnder.

Die Volkskammerfraktion der Deutschen Sozialen Union (DSU) forderte, den Ex Spionagechef der DDR, Markus Wolf, als RAF Unterstutzer zu bestrafen. Auch der einstige Stasi Minister Erich Mielke, wiewohl von Altersschwachsinn heimgesucht, soll sich nach Ansicht Diestels auf Verfolgung in gleicher Sache gefaßt machen. Der Parteivorsitzende der westdeutschen Sozialdemokraten, Hans Jochen Vogel, forderte noch am Dienstag dieser Woche ein Ermittlungsverfahren gegen die Verantwortlichen in der DDR. Und der neue Karlsruher Generalbundesanwalt Alexander von Stahl benötigte einige Tage, ehe er sich zu der Ansicht durchrang, daß Männer wie Wolf und Mielke nur mit stichhaltigen Beweisen für eine aktive Mittäterschaft bei der RAF zu belangen wären. Zuvor hatte er verbreiten lassen, er prüfe ernsthaft, ob er nicht sogar gegen den greisen Erich Honecker ein Ermittlungsverfahren einleiten müsse.

Als wäre er immun gegen solche Drohungen, hatte Markus Wolf sich zunächst ganz gegen sonstige Gewohnheit aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Ein Finnhaus mit tiefgezogenem Schieferdach, in den Bäumen Eichhörnchen, ein Waldsee - Refugium für den einstigen Chef der Stasi Hauptabteilung A (Aufklärung), eine halbe Autostunde entfernt von Berlin und doch weitab von den Ereignissen. Im Kopf das Buchmanuskript, das fertig werden soll, die persönliche Aufarbeitung des letzten Jahres, auch Verarbeitung. Ein großer, drahtiger Mann, in Jeans und schwarzem Polohemd, ein Rest von Lässigkeit. Er raucht. Nach allem wirkte er am vergangenen Wochenende kraftlos, erschöpft.

Von Journalisten mußte er sich aufklären lassen, daß sein Jäger nun Alexander von Stahl heißt, zu kurz liegt der Amtswechsel in der Karlsruher Bundesanwaltschaft zurück. Wolf hat kein Statement parat, er redet spontan, aus der Erinnerung und nicht sehr präzise.

Über die Auslandsvertretungen habe es keine Kontakte zur RAF gegeben "Bei der Brisanz müßte das über meinen Schreibtisch gegangen sein. Ich habe auch nie an einer Besprechung teilgenommen, auf der davon die Rede war Er argumentiert als Geheimdienstchef: "Jede Nähe zum Terrorismus wäre uns doch viel zu heiß gewesen " Ein derartiges Unternehmen hätte doch "quer zur Methodik" seines Dienstes gelegen "In solche Gruppen, davon mußte man ausgehen, konnten immer Agenten eingeschleust sein - selbst wenn sie uns etwas angeboten hätten, und wäre es noch so verlockend gewesen, das hätte ich abgelehnt " Schon ein konspiratives Treffen wäre "viel zu gefährlich" gewesen.

Und nach wie vor spricht er als linientreuer Kommunist: "Bei aller Sympathie zu Che Guevara und dem Befreiungskampf, aber der individuelle Terror hat nur geschadet, das haben wir schon auf der Kominternschule aus den Büchern gelernt Und - was habe die RAF denn erreicht? "Daß die Linke diffamiert werden konnte " Als er aber die ZDF Fernsehnachrichten hört, ist es mit dem Gleichmut vorbei. Erschießen sollte man sie, schlägt in einem Straßeninterview ein Passant vor, Markus Wolf wird eingeblendet. Ein für den ehedem erfolgreichsten Geheimdienstmann des ganzen Warschauer Paktes wohl eigentümliches Gefühl steigt in ihm auf: hilflose Wut. "Man macht mich zur Zielscheibe Und Wolf glaubt auch zu wissen, warum: Seit Wochen verlangen bundesrepublikanische Stellen, daß er seine alten Agenten preisgibt, dafür sei ihm die Aufhebung des Haftbefehls in Aussicht gestellt worden. "Das Ganze verbunden mit lukrativen Angeboten So etwas aber sei mit ihm nicht zu machen: "Man liebt den Verrat, doch nicht die Verräter. Nichts würde damit für den inneren Frieden erreicht "