In seinem Schaukelstuhl am Ufer des Rio de la Plata sitzt der alte Diego und sinnt vergangenen Zeiten nach. Wehmut umspielt seine Lippen. Maradona, Maradona, lang, lang ist’s her!

Wortfetzen wehen übers Wasser. Jemand hat das Radio angedreht. Ach ja, im fernen Italien spielen sie wieder einmal um die Weltmeisterschaft. Der alte Diego, mit den Jahren träge und dem runden Leder, das ihm einst zu Füßen lag, immer ähnlicher geworden, nimmt es wahr mit halbem Ohr.

Und hält abrupt im Schaukeln inne. Die plärrende Stimme des Reporters will sich gerade überschlagen. Es ist ja kaum zu glauben. Es ist ja nicht zu fassen. Argentinien gegen Kamerun 0:1. Hat er denn recht gehört, der alte Mann im Schaukelstuhl? Eine Weile hört er gar nichts. Die Luft über den Wassern des Rio de la Plata ist erfüllt von einem gewaltigen Rauschen aus dem Äther.

Dann ist die Stimme wieder da. Null zu eins, wahrhaftig. Argentina hat dem großen Kamerun die Stirn geboten, hat den Weltmeister um ein Haar ins Straucheln gebracht. Die Ballzauberer aus Afrika am Rande einer Niederlage. Daß er dies noch erleben darf... Ein Lächeln verklärt die Züge des alten Diego, und indem er den Schaukelstuhl sacht wieder in Gang setzt, spürt er, wie Freude aufkommt in seinem Herzen, zum erstenmal seit damals, seit er beschloß, von Fußball eigentlich nichts mehr hören und sehen zu wollen.

Damals – das war auch in Italien gewesen. Mit Diego als Kapitän hatten die Argentinier 0:1 gegen Kamerun gespielt, schon einmal, aber damals war Argentinien im Fußball eine Größe und die Niederlage eine nationale Katastrophe gewesen. Ein Machtwechsel hatte sich angekündigt, eine Ahnung von Afrikas künftiger Fußball-Weltherrschaft schon in der Luft gelegen

Und nun, dem alten Diego dämmert’s, wendet sich das Blatt aufs neue. O unberechenbarer Fußball. Auch Ägypten, Afrikas zweite Fußballsäule, stehe nicht mehr fest, meldet in heiserem Stakkato die Stimme aus dem Äther. Nur 1 : 1 gegen die Niederlande. Holländer frech, Ägypten in Not. Verkehrte Welt. Sollten sich die alten Mächte Europas und Südamerikas tatsächlich noch einmal aufraffen?

Am ehesten, glaubt der alte Diego, wäre es wohl diesen Deutschen zuzutrauen. Soeben ist am Rio de la Plata die Nachricht eingetroffen, daß sie gegen die Arabischen Emirate, den Geheimfavoriten aus der Wüste, fünf Tore geschossen haben. Und jedes soll ihnen, hat der Reporter erfahren, von einem Autohändler im Süddeutschen mit einem Rolls-Royce vergolten werden ...