Von Reinhard Merkel

Unter Goethes und Schillers „Xenien“ gibt es eines, dessen erste Zeile von offenbar zeitloser Aktualität und daher einiger Geläufigkeit ist. „Deutschland? aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden, ...“ Beinahe so unbekannt wie die Antwort auf diese Frage dürfte allerdings die Fortsetzung des Distichons sein: „Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf.“

Wenn es so etwas wie eine generelle Kompetenzerwartung gegenüber einem – jedem – Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft gibt, dann ist es vermutlich die: eine Art leibhaftiger Widerlegung von Goethes und Schillers ironischer Grimasse zu sein. Das ist eine Variante in dem endlosen Wechselspiel von Geist und Macht. Die Motive, aus denen die Beteiligten zu den Formen ihrer Zusammenarbeit finden, ändern sich mit dem Wandel der Zeiten. Der Zwang zur ewig neuralgischen Mesalliance bleibt.

Und damit der, die entscheidenden Funktionen in dieser Verbindung angemessen zu besetzen. Am 16. November des vergangenen Jahres wählte der Senat der Max-Planck-Gesellschaft den Münchener Juraprofessor Hans F. Zacher, den bisherigen Direktor des Instituts für ausländisches und internationales Sozialrecht, zum neuen Präsidenten des wichtigsten und wuchtigsten unter den nationalen think tanks: Mit 62 Instituten und Forschungsstellen, 13 000 Mitarbeitern und einem Jahresetat von 1,25 Milliarden Mark ist die Max-Planck-Gesellschaft die beherrschende Größe in allen Kalkülen der deutschen Forschungspolitik. Wer Hans F. Zacher kennt, der darf dem Max-Planck-Senat bescheinigen, mit dieser Wahl in hohem Grade die Handlungskategorie des präzisen glücklichen Griffs erwischt zu haben.

Das ist – vor jeder Frage nach Zachers persönlichen Fähigkeiten – in gewissem Sinn schon eine Funktion der Wissenschaftsaufgaben, die er in den vergangenen Jahrzehnten wahrgenommen hat. Das Sozialrecht, die Sphäre seiner wesentlichen Forschungstätigkeit, ist weitaus unmittelbarer als alle anderen Rechtsgebiete mit den Exekutivbereichen der Politik verflochten. Zivil-, Straf- und Verwaltungsrecht eroffnen und begrenzen in erster Linie Freiheitsräume und lassen innerhalb dieser die gesellschaftliche Maschinerie der Handlungen, Reaktionen, Entscheidungen unbehelligt. Sozialrecht dagegen ist extrem wirklichkeitsbezogenes Recht. Es gestaltet als direktes Instrument praktischer Politik seine Regelungsbereiche bis in deren Kapillaren: die Handgriffe individueller Pflichten und Ansprüche, die Kommastellen nach den DM-Zahlen für Leistungen und Beiträge, die Tages-Exaktheit von Warte- und Berechtigungszeiten. Es ist damit die Buhne par excellence für einen dauernden, labilen, stets modifizierungsbedürftigen Kompromiß zwischen einer statischen Dogmatik der Wissenschaft und der politischen Notwendigkeit zur ständigen Veränderung.

Im Hintergrund dieser Bühne ist Hans F. Zacher seit beinahe dreißig Jahren einer der wirkungsvollsten Regisseure ihrer wechselnden Szenarien gewesen. Davon weiß man in den Sphären seiner Wissenschaft das gleiche hohe Lied zu singen wie etwa im Ministerium Norbert Blüms. Unter deutschen Gelehrten mußte man wohl suchen, um einen Max-Planck-Präsidenten von ähnlich plausibler Symbolstatur für jenes Vermittleramt zwischen Geist und Macht zu finden wie Zacher. Man mußte also, scheint es, nicht suchen.

So einfach dürfte es nicht gewesen sein, weder für ihn noch für das Traditionsbewußtsein einer Organisation, die seit ihrer Wiedergründung nach dem Zweiten Weltkrieg ausschließlich von Naturwissenschaftlern geführt worden ist. „Ich habe“, sagte Zacher, „wohl das Gefühl einer Art von Abschluß für die Forschungsarbeiten meiner letzten Jahre. Die alte, im wesentlichen materielle Verteilungsproblematik hat der Sozialstaat inzwischen einigermaßen im Griff seines rechtlichen Instrumentariums; und ich habe ein wenig dazu beigetragen. Aber es zeichnen sich völlig neuartige Probleme ab: die Verteilung von so etwas wie standortgebundener Lebensqualität zum Beispiel, deren Ungleichheiten sich nicht mit Geld kompensieren lassen – bis hin zu der bloßen Möglichkeit, in Deutschland zu leben. Oder die ungeklärte Frage, was ‚Gleichheit‘, ,Sicherheit‘, ‚Wohlstandsteilhabe‘ angesichts der Bedrohung unserer Umwelt künftig bedeuten können. All dies wäre für mich ein faszinierendes Feld neuer Aufgaben. Natürlich freue ich mich auf die Herausforderung der Präsidentschaft, aber die berühmte heimliche Abschiedstrane ist schon dabei.“