Von Ulrich Schiller

Ottawa, im Juni

Im September 1759, als die erste Herbstkälte den Sankt-Lorenz-Strom heraufzog, war die britische Flotte drauf und dran, die Belagerung von Quebec abzubrechen. Sie sah keine Möglichkeit, das felsige Ufer zu stürmen. Doch schließlich beobachtete der junge englische General Wolfe am Ufer einige Frauen, die dort Wäsche wuschen. Also mußte es einen Zugang zur Zitadelle auf dem Felssporn geben. In dieser Nacht gelang den Engländern der Einbruch. Die Schlacht gegen die Franzosen, die Herren in Quebec, dauerte nur kurz. In der Kapelle der Ursulinerinnen wurden am folgenden Morgen zwei Totenmessen gelesen: die erste für den Verteidiger, den französischen General Montcalm, die zweite für den Eroberer, den britischen General Wolfe.

Einen strahlenden Sieger hat es in der Schlacht um Quebec nicht gegeben. Die Legende verweist auf die Rolle des Zufalls. Deshalb konnte René Lévesque, der 1987 verstorbene geistige Vater des frankokanadischen Nationalismus, in einem Interview allen Ernstes erklären: „Stellen Sie sich doch bitte vor, daß der ganze nordamerikanische Kontinent eigentlich hätte französisch werden müssen.“ Als der Seefahrer Samuel de Champlain in Quebec sein Haus baute und Neu-Frankreich geboren wurde, hatte die Mayflower für ihre Reise nach Neu-England noch nicht einmal die Anker gelichtet... Doch vier Jahre nach der Schlacht um Quebec mußte Frankreich im Frieden von Paris seine Amerika-Besitzungen an England abtreten. Für Frankokanadier wie Levesque begann damit die bis heute nicht überwundene Unterwerfung der französischen Bewohner des Sankt-Lorenz-Tales unter fremde Herrschaft. Es half wenig, daß die britische Krone um Aussöhnung bemüht war, als sie den französischen Siedlern 1774 in der „Quebec Akte“ das Recht auf ihre Sprache, auf den katholischen Glauben und das eigene Rechtssystem verbriefte. Ebensowenig nützte die „Britisch-Nordamerika Akte“ von 1867, die erste und in ihren Grundzügen noch heute gültige Verfassung Kanadas, die Englisch und Französisch zu gleichberechtigten Amtssprachen im Bundesparlament, in den Bundesstaaten und in der Provinz Quebec macht. Die Zweiteilung war als kanadisches Geburtsmerkmal vorhanden; sie wirkte fortan mehr trennend als gegenseitig befruchtend.

Vor zwanzig Jahren unternahm Kanadas Premierminister Pierre Elliott Trudeau einen ernsthaften Versuch, mit einer großen Verfassungsreform Anglophone und Frankophone enger zusammenzubinden. Sein „Kanada-Traum“ ist ein multikultureller, zweisprachiger Bundesstaat, in dem eine starke Zentralregierung den politischen Handlungsspielraum der Provinzen festlegt. Er hat den Traum nicht verwirklichen können. Selbst Trudeau, dessen Persönlichkeit wie kaum eine andere die Kanadier über viele Jahre fasziniert hat, vermochte das Québec-Problem nicht zu entschärfen.

Einen erneuten Anlauf zu einer Lösung stellt nun das Abkommen von Lake Meech dar. Die wenigsten Kanadier kümmern sich im Detail um dessen Inhalt. Aber es ist zum Symbol für die Befindlichkeit des Landes geworden, und es schürt Emotionen. Wenn „Lake Meech“ nicht bis zu diesem Samstag von der Bundesregierung und allen Provinzen ratifiziert wird, kann Quebec seiner Wege, das heißt: in die Unabhängigkeit gehen. Es untersteht dann weiterhin nicht der kanadischen Verfassung. Widerstand gegen das Abkommen regt sich in Neufundland und in Manitoba. Es ist kaum vorherzusagen, wie sich vor dem 23. Juni unter dem Druck der Lake-Meech-Befürworter und ihrer Schuldzuweisung für die mögliche Spaltung Kanadas die Stimmung entwickelt. Bedeutete die Unabhängigkeit Quebecs ein Loch mitten in der Landkarte Kanadas? Machte sie die abseits gelegenen atlantischen Provinzen zu einem kanadischen Bangladesch? Drifteten die Westprovinzen in den Verband der Vereinigten Staaten? Für Kanadas heutigen Premierminister Brian Mulroney ist das Lake-Meech-Abkommen der Versuch, Quebec nun endlich und endgültig in der Konföderation zu verankern. Doch offenbar ist es, wie sich immer deutlicher zeigt, ein Versuch mit untauglichen Mitteln.

Die große Verfassungsreform Pierre Trudeaus aus dem Jahre 1982 bestand aus zwei Teilen: aus der (buchstäblichen) Heimführung der Verfassung aus London nach Ottawa und aus der Ergänzung durch eine Charta der Menschenrechte. René Levesque, damals Premierminister Quebecs, unterschrieb die Verfassung nicht. Ihm schien der Status von Quebec zu wenig gesichert, obschon er strenge Gesetze für die beherrschende Rolle der französischen Sprache in der Provinz Quebec und eine kostspielige Französisch-Förderung in den englischsprachigen Provinzen durchgesetzt hatte. Aber die Furcht vor der anglophonen Dominanz, die eine britische Oberschicht auch lange genug genährt hatte, saß tief. Zum Bewußtsein ihrer Insellage im anglophonen Meer kam die Erwartung einer demographischen Katastrophe für die Frankokanadier im nächsten Jahrhundert aufgrund der geringen Geburtenzahlen.